Zu einer Zeit, da die Saar-Bombe mehr Staub aufwirbelt, als für das kranke Europa gut ist, hat der dänische Außenminister Ole Björn Kraft bewiesen, daß es doch noch Staatsmänner gibt, die die Fesseln nationalistischer Engstirnigkeit abstreifen können. In einer Rede in Apenrade erklärte er, daß Deutschland und Dänemark in Nord- und Südschleswig die Gelegenheit beim Schopfe packen müßten, um der Welt vor Augen zu führen, wie echtes europäisches Gemeinschaftsdenken die Verständigung zwischen Menschen verschiedener Nationalität in der Praxis möglich mache. Er kündigte an, daß die Sondergesetzgebung für die deutschen Schulen in Nordschleswig demnächst aufgehoben werde. Es ist nicht das erstemal, daß Ole Björn Kraft sich als ein Politiker von wahrhaft konstruktivem Denken erwiesen hat.

Der heute 58jährige Konservative, den eine echte Freundschaft mit seinem politischen Gegner, dem warmherzigen Realpolitiker und Führer der Sozialdemokraten Hans Hedtoft, verbindet, ist eines der ältesten Mitglieder des dänischen Reichstages. Von den 152 Abgeordneten halten nur sieben seit längerer Zeit ihr Mandat inne. Als der junge Journalist Kraft vor 25 Jahren zum erstenmal seinen Platz im Reichstag einnahm, war er ein Redner, der sich gern an Gefühlen berauschte. Er war beherrscht von einem etwas romantischen Glauben an das Volk und dessen gute Instinkte. Das etwas feierliche Pathos aus jener Zeit ist inzwischen einer gedämpfteren Tonart gewichen, aber der Durchschlag seiner rhetorischen Argumente ist geblieben. Obgleich ihm die Gabe des Witzes versagt ist, versteht er es doch wie kein Zweiter in Dänemark, eine Versammlung zu beherrschen, und mühelos schwebt seine schöne, von Musikalität getragene Stimme durch den größten Raum. Einen „militärromantischen Orator“ haben ihn seine Gegner genannt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist er seit den dreißiger Jahren eine der markantesten Erscheinungen des dänischen Reichstages.

Ole Björn Krafts große Stunde kam zu Beginn der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen. Damals erwies er sich als ein Mann von Charakter und Format, damals wurde er zum politischen Wortführer seiner Partei. Daß ein Mann dieses Schlages, dem jede politische Labilität fremd ist, den Weg in die Internierung antreten mußte, wird niemanden verwundern. 1944 versuchte ein Meuchelmörder sein Leben auszulöschen, aber fünf Revolverschüsse verfehlten das Ziel, und Ole Björn Kraft konnte nach Kriegsende ungebrochen in die Politik zurückkehren. Er wurde der verantwortliche Leiter des Verteidigungsministeriums und legte den Grundstein zu einer neuen dänischen Armee.

Im vergangenen Jahr nun erhielt Kraft im konservativen Kabinett das Außenministerium. Die Qualifikation für dieses Amt wird ihm von niemandem bestritten. Schon in den Jahren 1932–1937 war er Mitglied der dänischen Delegation beim Völkerbund, nach dem Kriege vertrat er sein Land auf mehreren UNO-Tagungen, und 1949 wählte ihn der Europa-Rat zum dritten Vorsitzenden. So ist denn Ole Björn Kraft ein Außenminister, wie ihn sich Dänemark nicht besser wünschen kann: Er hat Mut und Herz; geht ohne viele Winkelzüge auf eine Sache los und ist bereit, mit seiner ganzen Person für das einzutreten, was er als richtig erkannt hat. Er war der erste Außenminister Dänemarks, der der abwartenden Neutralitätspolitik den Lücken kehrte und sich vorbehaltlos zum Westen, zur Freiheit bekannte. Eines seiner Hauptanliegen ist, ein gutes Verhältnis zu Deutschland herzustellen. Mit Bundeskanzler Adenauer verbindet ihn eine persönliche Freundschaft. Wenn er einmal in politischer Mission nach Paris oder irgendeiner anderen europäischen Hauptstadt fahrer muß, wählt er gern den Umweg über Bonn. „Nicht wer recht hat, sondern was recht ist, entscheidet!“ – das ist Ole Björn Krafts Devise.

Engdahl Thyssen