München, im Februar

Es läßt sich zunächst alles fast vergnüglich an in den von Sidney Kingsley mit einer Fülle von eigentümlichen Menschen bevölkerten Diensträumen dieses New Yorker Polizeireviers. Auch die Detektive dort, wir zählen deren ein halbes Dutzend außer den Uniformierten, sind es, trotz den untergeschnallten Colt-Pistolen. Einer, der sich vor lauter Aufgekratztheit kaum zu lassen weiß, trägt sogar ein Bikini-Hemd und einen verwegenen Künstlerhut, und wir teilen die Verwunderung der kleinen Ladendiebin, die sich Männer dieses Metiers immer nur mit der düsteren Melone auf dem Haupt vorstellen wollte. Ihren dienstlichen Verrichtungen bei der Aufnahme der Delinquenten, dem Aushorchen, Messen, Fingerabdrücken und Ausfilzen obliegen sie mit jener Mischung aus Fixigkeit, Jovialität und Sarkasmus, der auf Unbeteiligte so erheiternd wirkt, und noch bei der Einlieferung von zwei wirklich schweren Jungen verlieren wir nicht gleich das Gefühl, den Empfangszeremonien in einer Art von fidelem Gefängnis beizuwohnen.

Ganz unversehens ist es darüber doch Ernst geworden. Ein Rechtsanwalt erscheint und legt Fotos seines Mandanten vor, Aktfotos wahrhaftig, mit denen dessen körperliche Unversehrtheit vor der Einlieferung ins Revier 21 dokumentarisch festgelegt sein soll. Das ist eine Warnung, fast eine Drohung. Sie richtet sich gegen einen der hier diensttuenden Detektive, McLeod.

Dieser McLeod ist so etwas wie, ein Michael Kohlhaas unter den Polizeiorganen. Er fühlt sich nicht nur zum Helfer der Gerechtigkeit, sondern auch zu ihrem Vollstrecker berufen. Die vielfältigen Schliche und Pfiffe der Ganoven und ihrer unbedenklichen Helfer von der Beschaffenheit dieses Anwalts lähmen ihren Arm. Er muß es immer wieder erleben, daß der Strafwürdige durch eine der findig erweiterten Maschen des Gesetzes im letzten Augenblick doch noch entschlüpft. Offenbar erleichtert das amerikanische Gerichtsverfahren dieses Manipulieren – mit den Paragraphen besonders. Detektiv MecLeod aber haßt die Verbrecher und die Gesetzesübertreter. Sein Haß leitet sich indessen nicht aus reinem Abscheu vor dem Bösen her, sondern – wir sehen ja ein Stück aus einem Lande, in dem man den Psychologen schon so selbstverständlich zu Rate zieht wie bei uns einstweilen noch den Zahnarzt – aus einem Komplex. McLeod haßt seinen verbrecherischen Vater. Wenn er gegen seine Dienstvorschrift die Überlaut züchtigt und zu Boden schlägt, so dient er damit nicht, wie er wähnt, allein der verhinderten Gerechtigkeit, sondern vollzieht auch ein Stück privater Rache an seinem Vater. Das ist seine Schuld, und seine Frau, die er über alles liebt, sagt sie ihm auf den Kopf zu, bevor sie sich von ihm abwendet.

Eben jener smarte Anwalt nämlich deckt im gewerbsmäßigen Ringen um seinen üblen Mandanten eine trübselige Liebesaffäre aus ihrem Dasein vor ihrer Bekanntschaft mit McLeod auf. In diese ist auch der von dem Detektiv immer wieder vergeblich gestellte Mandant, ein gewerbsmäßiger Abtreiber, verwickelt. Darüber kommt der starre, tief mißtrauische Mann nicht hinweg, der trotz den Warnungen und Beschwörungen seiner Kollegen und Freunde in keinem Fall verstehen und verzeihen will. Erst im Tode ist er dazu bereit. Es ist, als suche er ihn, wenn er sich, innerlich gebrochen durch den Verlust der geliebten Frau, waffenlos den Kugeln eines plötzlich amoklaufenden Gangsters aussetzt.

Das ganze ist eine ungewöhnlich geschickt und mit genauer Kenntnis des besonderen Milieus und seiner Menschen gearbeitete Mischung aus gutem Gebrauchstheater, aus Elementen des Films und aus den zufälligen der Kolportage. Hans Schweikart hat sie an den Münchner Kammerspielen meisterhaft in Szene gesetzt. Vermutlich ist es ihm zu verdanken, wenn das außerordentliche Aufgebot von dreißig Darstellern uns auch noch in den nebensächlichsten Rollen mit lauter wirklichen Menschen bekannt machte. Im Publikum mochte sich mancher nach dem fast schwankhaften Beginn nicht auf einen so bitteren Ausgang gefaßt gemacht haben. Dennoch bedankte es sich mit großem, einhelligem Beifall. Paul Alverdes