Auf dem Garderobetisch sitzend, schaute ich zu, wie in dem Durchgang zwischen zwei Treppen Boogie Woogie getanzt wurde. Man tanzte eins schlicht, eins kraus oder wie es gerade kam. Aber ein Paar tanzte es in genio loci existenzialistisch, denn wir befanden uns auf „Mont-Sartre“ im Hamburger Curiohaus, der Stätte des Künstlerballes, wo einst – nach dem Kriege – die Militärgerichte tagten. Die beiden tanzten nicht miteinander, sondern auseinander. Wenn das Mädchen bei der Kapelle angelangt war, betrieb der Jüngling auf der andern Seite des Tanzknäuals bei der Treppe Drehungen aus der „Stadt jenseits des Stroms“. Er hatte die Muskeln an seinem Skelett ausgehängt, die Augen ertötet; er tanzte weltanschaulich

Da kam L.-R., der Verleger-Junior, mit brillenblitzenden Augen und sprach vor seinem Begleiter meinen gallischen Namen in der härtesten Aussprache aus, um mich als deutschen Schriftsteller zu kennzeichnen, nehme ich an. Mir sagte er, sein Begleiter sei Raimond Peynet, der Pariser Zeichner, der als Gast des Verlags in Hamburg weile. Nun waren wir zu Dritt Augenzeugen des Boogie Woogie und sahen zu, wie bedeutende Männer auch des Verlags sich den Bewegungen ergaben, worauf L.-R. die angenehme Tatsache feststellte, daß wir Durst hätten, so daß wir uns mit Herrn Peynet an eine Bartheke anquetschten.

Hinter den Heben, die Sekt kredenzten, hingen in Vergrößerungen die Zeichnungen Peynets aus dem Buch „Verliebte Welt“, und wir rauchten in ihrem Anblick Gauloisesund tranken. Die Gauloises-Zigaretten stammten von dem Gast, der an diesem 8. Februar direkt von Paris gekommen war, der Sekt, wie es Autoren gegenüber ziemt, vom Verleger. Wir sprachen mit Gehaltenheit von den kleinen Theatern von Paris, ich erinnerte an das vergangene Treteau Royal. Herr Peynet sprach vom Standpunkt des Herzens. Wie ungewohnt! Bei uns spricht man über solche Dinge vom Standpunkt des Betriebs. Als kürzlich jemand Werner Finck fragte: „Wie geht’s?“ und freundschaftlich damit den Zustand von Gemüt und Körper meinte, antwortete Finck: „Jeden Abend ausverkauft!“

Peynet ist ein ruhiger Mann, langnäsig, wie ein Nord-Franzose; in der Sprache hat er einige härtere Klänge – aus dem Süden, obwohl er in Paris berühmt ist. So neben ihm, und sein trockenes und gutes Gesicht beobachtend, hatte ich weniger den Eindruck von Paris als von Giono: das Bäuerliche, Naturhafte ...

Und dann kam der Augenblick, in dem L.-R. zu der Handlung schritt, die man als symbolisch potenzierte Unterabteilung der großen Geste betrachten kann, mit der im Curiohaus und in fünf Fastnachtsbällen Hamburg mit Frankreich eine Entente Cordiale einging, die sich freilich im Moment noch hütet, von Mont-Sartre auf das Quai d’Orsay überzuspringen: L.-R trank angesichts des ganzen Saales Brüderschaft mit Raimond Peynet. Er verrichtete das in der deutschen Form, indem man, die Gläser in der Rechten, die Arme durcheinander steckt, den Trank leert und sich küßt, nachdem man sich vorher die Brust etwas besabbert hat. „Drôle d’exercise!“, sagte mir Peynet nachher, worauf ich versuchte, ihm zu erklären, daß die Deutschen es lieben, solche Sachen sehr sinnfällig zu machen, sehr deutlich. Ich gab ihm auch zu bedenken, welche Summe von Symbolismen in dieser Handlung sich verbergen.

Wir überließen uns dann einem der Ströme, die von Saal zu Saal pilgerten, und da kam Herrn Peynet nochmals die Zeremonie in den Sinn, die L.-R. an ihm vollzogen hatte. „Sie meinen doch nicht“, fragte er mich, „daß ich damit, in einen germanischen Geheimbund aufgenommen wurde?“ – „Weil das Durchstecken der Arme das Bild des Hakenkreuzes ergibt? Nein, es ist eine alte Sitte. Es ist das Zeichen eines großen Vertrauens, möglicherweise einer Liebe!“ sagte ich. – „Womit hätte ich das verdient?“ meinte er. – „Vielleicht mit der Zahl der Auflagen Ihres Buches?!“, erwiderte ich.

Eine schöne junge Frau ließ plötzlich fragen, ob er nicht Spanisch spräche. „Nein“, erwiderte er, „aber ich tanze!“ Und der gelassene Mann, plötzlich elektrisiert, zog sie in die Masse der Paare, die unter den Neonlampen dahinwogten.

N. J.