Düsseldorf, Mitte Februar

Weil die Brotpreise in den letzten Jahren dauernd erhöht wurden und die Bauern im Jahre 1952 mindestens 1600 DM als Hektarertrag für Weizen verlangen, ist die westdeutsche Leinenindustrie nur zu 60 bis 70 v. H. ausgelastet und kann bei den hohen Preisen nicht mehr das Massenbedürfnis befriedigen ... offenbar ein überraschender Kausalzusammenhang. Schlechter Beschäftigungsstand, hohe Preise und branchenfremde Produktionssortimente kennzeichnen das äußere Bild der deutschen Leinenindustrie. Das verdeutlicht nicht nur den oft übersehenen Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Preispolitik und industrieller Fertigung, sondern bekräftigt auch die Forderung, daß die Agrarpreise nicht unbedacht klettern dürfen, sondern eine ständige Relation zur Gesamtwirtschaft halten müssen.

Westdeutschlands Leinenindustrie baut auf der im Binnenraum wachsenden Flachsfaser auf. Flachs ist der einzige Textilrohstoff, der auf unseren Böden gedeiht. Er ist seit Jahrhunderten immer „die Rettung in höchster Not“ gewesen, und stets wird er vergessen und mißachtet, wenn Wolle und Baumwolle unbeschränkt einfließen können. Da Deutschlands landwirtschaftliche Nutzfläche durch den Landraub von Yalta und Potsdam stark geschmälert wurde, ist es verständlich, daß die Landwirtschaft ihre Böden so vorteilhaft wie möglich ausnutzen will und muß. Ist Flachs wichtiger als Roggen oder Weizen? Hier einen gesunden Mittelweg finden zu können, ist nicht leicht, aber notwendig.

Weizen erbringt den höchsten Hektarertrag bei Getreidefrüchten. Flachs, der nicht unbedingt Weizenboden braucht, wird also vom Bauern nur angebaut, wenn er preislich für ihn interessant genug ist. Dabei ist neben dem Preis auch die „Werksrücklieferung“ an Leinengeweben für den Haushalt von Bedeutung, und ferner der genossenschaftliche Anteil an Ertrag und Umsatz der sehr kapital- und arbeitsintensiven (und ausschließlich im bäuerlichen Besitz befindlichen!) Flachsröstereien, jener ersten Verarbeitungsstufe des Flachses zur Faser.

Bis 1949 hatte der Staat, um auf alle Fälle eine gewisse Menge dieses heimischen Textilrohstoffes sicherzustellen, erhebliche Subventionen (8 DM je dz) an die Flachsröstereien gezahlt, so daß ein Doppelzentner Flachs statt für 21 DM für 13 DM an die Weiterverarbeitung gehen konnte. Diese Subvention lag dabei sogar noch unter den im benachbarten Ausland üblichen Sätzen von rund 9 bis 9,25 DM je dz. Jetzt haben diese Subventionen aufgehört und die Leinenindustrie muß auf der Basis eines Flachsabgabepreises von 26 bis 28 DM kalkulieren, „damit die Relation zum Weizenpreis hergestellt ist“.

Auf dieser Basis aber ist Leinen im Endprodukt zum Luxusartikel geworden. Da der Markt für die sich nunmehr ergebenden. Fertigwarenpreise keinesfalls mehr in annähernd ausreichendem Umfange aufnahmefähig und – willig ist, hat die Leinenindustrie eine ständige Verschlechterung ihrer Qualitäten in Kauf nehmen müssen. Eine Verschlechterung heißt in diesem Falle der Übergang vom Ganzleinen zum Halbleinen, das verstärkte Einweben von Baumwolle oder chemischen Fasern. Hand in Hand geht zugleich ein starker Rückgang der Flachsanbaufläche. Sie betrug 1850 noch 250 000 ha, 1941 rund 102 000 ha und jetzt in Westdeutschland 10 000 ha, in der Sowjetzone dagegen vermutlich 25 000 ha. Für 1952 rechnen Fachkreise mit 8 000 bis 9 000 ha Anbau. „Dabei steht die Belieferung der Verteidigungsstreitkräfte im Vordergrund und in Paris verhandelt die Internationale Flachs- und Hanfvereinigung mit dem Westlichen Oberkommando über den mutmaßlichen Umfang des künftigen Bedarfs an Drillichzeug, Unterkunftswäsche, an Planen und Zeittuchen“, war zu hören.

Welche Lösung ist möglich? Die Flachsbau:rn rufen nach der Subvention. Sie nennen dabei einen Satz, der an sich nicht übertrieben ist, nämlich 3 bis 4 Mill. DM jährlich, und begründen dies mit dem Hinweis, daß ein Ausfall des deutschen Flachsanbaues einen Flachsfaser-Importbedarf von rund 25 bis 30 Mill. DM jährlich heraufbeschwören würde.

Nun ist gegen Höhe und auch gegen die Forderung nach einer staatlichen Unterstützung als solcher nicht viel einzuwenden. Aber die Form der Subvention halten wir nicht für glücklich. Es ist doch so, daß die Landwirtschaft erst einmal den hohen Weizenpreis für Flachs fordert und dann, weil dieser Preisstand für die Leinenindustrie unwirtschaftlich ist, eine Subvention an die der gleichen Bauernschaft gehörenden Flachsröstereien verlangt. Also zur Belohnung auf den hohen Preis auch noch die Subvention oben drauf. Das erscheint uns nicht sehr glücklich. Es wäre dagegen wirtschaftlicher, daß öffentliche Mittel, wenn überhaupt, in Form von Rationalisierungs- und Modernisierungskrediten an die Flachsrösten und an die weiterverarbeitende Leinenindustrie gegeben werden, damit die Ausgangspreise für Flachs auf die Dauer erwirtschaftet werden können. Mit Subventionen züchtet man nur einen fortschrittshemmenden Schlaf. Ein Blick in manchen untermechanisierten Flachsbetrieb und die oft viele Generationen alte Leinenindustrie deutet auf erhebliche Möglichkeiten hin, öffentliche Zuschüsse bei richtiger Zweckbindung volkswirtschaftlich sinnvoll einsetzen zu können. Wir meinen, daß hier Flachsanbau und Weiterverarbeitung gemeinsam einen annehmbaren Weg finden könnten. Reichelt