In Ocala (Florida) steht der neunzehnjährige Walter Lee Irvin vor Gericht, einer von vier Negern, die 1949 in dem seither berühmt gewordenen Groveland-Notzuchtprozeß zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt worden waren. Das Urteil war vor einiger Zeit vom Obersten Bundesgericht aufgehoben worden, unter anderem mit Hinweis darauf, daß Geschworene in dem Prozeß nur Weiße gewesen seien und daß nicht einzusehen sei, warum die Teilnahme von Negern an der Jury automatisch zu einem Freispruch oder zur Ergebnislosigkeit des Verfahrens hätte führen müssen. Trotzdem besteht auch in dem jetzt wieder aufgerollten Prozeß die Jury nur aus Weißen. Der Vorgang wirft Licht auf die immer noch außerordentlich schwierige Rassenfrage in den USA und besonders in deren Südstaaten. In dem nachfolgenden Artikel behandelt ein junger Akademiker, der vor kurzem aus Amerika zurückgekehrt ist, dieses Problem.

Mein Zimmernachbar im Wohnheim der New Yorker Columbia-Universität war einer der zahlreichen farbigen Studenten, die diese amerikanische Hochschule besuchen. Unter der Dusche lernte ich ihn eines Tages persönlich kennen. Er stellte sich in aller Form vor, und wir schüttelten uns mit einem „Glad to meet you die Hand. Dabei fiel mir das „Sir“ auf, das mein schwarzer Kommilitone pointiert an das Ende dieser Höflichkeitsformel setzte. Und ich habe es auch später oft genug bemerkt: Nie wird sich ein Neger in Amerika von vornherein mit einem Weißen gleichstellen. William Gibson, der Chefredakteur des Afro-American, eines der vier großen Blätter von insgesamt 246 amerikanischen Negerzeitungen, sprach einmal vom handicap der Farbigen. Und dieses handicap kann niemand übersehen, der durch die Vereinigten Staaten fährt. Der Neger ist zwar gesetzlich nahezu gleichberechtigt, und seine Diskriminierung wird strafrechtlich verfolgt, aber damit ist das Problem keineswegs gelöst, denn neben der gesetzlichen bedarf es noch einer anderen Gleichstellung – der menschlichen.

Viele Neger haben heute in den Staaten ihr eigenes Haus, ihren eigenen Wagen und keinerlei Neigung, kommunistischen Parolen Gehör zu schenken. Negerstudenten gibt es fast an allen Hochschulen; in Washington besuchte ich die neben dem Negerviertel errichtete mustergültige Howard-Universität, an der ausschließlich Farbige lehren und studieren. Und dennoch: Selbst in New York wird man es vermeiden, mit einem Farbigen auf der Straße gesehen zu werden, und niemand denkt daran, eine Negerin zu heiraten, obwohl das gesetzlich – außer in zehn Südstaaten – durchaus zulässig wäre. Nur schwer kann ein Farbiger seinen Wohnsitz außerhalb des Negerviertels seiner Stadt aufschlagen. Erst kürzlich mußte einer von ihnen dieses Wagnis, das er wohlgemerkt in den Nordstaaten unternahm, mit der restlosen Demolierung seines Hauses durch weißen Mob bezahlen. Für alle Farbigen ist es gesetzlich – verboten, im Bankgewerbe zu arbeiten.

Je weiter man nach Süden kommt, um so auffallender wird diese unterschiedliche Behandlung. Die Mason-Dixon-Line, die alte Grenze zwischen den Nord- und Südstaaten, ist noch heute für das Leben der Neger von entscheidender Bedeutung. Der Bus, der mich über diese Linie trug, mag dafür als Symptom gelten. In seiner Mitte prangte eine kleine Tafel mit der Aufschrift „coloured“. Und es ist nicht ratsam für einen Weißen, sich einen Platz hinter diesem Schild zu wählen, wenn er nicht den Ärger seiner Artgenossen hervorrufen will. Auf den größeren Stationen gibt es getrennte Warte- und Erfrischungsräume für „white“ und „coloured“; auf kleineren Stationen reichen Schwarze zuerst den Weißen und – wenn dann noch Zeit ist – den Schwarzen Erfrischungen. Überall im Süden gibt es getrennte Wohnviertel, getrennte Schulen (nur im Staate Mississippi ist man dazu zu arm), und in Alabama und Virginia ist den Farbigen auch der Besuch der Universitäten untersagt. Der Gedanke, daß in Städten mit überwiegend schwarzer Bevölkerung der Bürgermeister eines Tages ein Neger sein könnte, ist den meisten Weißen ein Greuel. Auf die Titulierung „Mister“ oder „Mistreß“ können Neger keinen Anspruch erheben.

Life veröffentlichte kürzlich einen ausführlichen Bildbericht über die „Lynchjustiz in Mobile“ (Alabama), und es ist in der Tat so, daß dort noch heute einige Anhänger des 1867 gegründeten Ku-Klux-Klan mit solchen Mitteln die Herrschaft des weißen Mannes über die Neger demonstrieren wollen. Das sind zweifellos Ausnahmefälle. Bestehen bleibt aber, daß die menschliche Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist, daß ein Neger wesentlich mehr leisten muß als ein Weißer, wenn er in die gleiche Position aufrücken will, daß die Trennung zwischen Schwarz und Weiß von jedem Amerikaner als etwas völlig Selbstverständliches empfunden wird. Ja, die Segregation ist teilweise sogar für die Schwarzen so etwas wie ein Privileg geworden. Als ich in einer Negerbar der 116. Straße Manhattans einen Cocktail trinken wollte, erklärte man mir dort höflich und bestimmt, dies sein ein Negerlokal und ein Weißer als Gast „unerwünscht“.

Zwischen Republikanern und Demokraten gibt es in der Negerfrage keine wesentlichen Unterschiede. Beide wollen nur einen amerikanischen Staatsbürger. Aber beide wissen, daß es keine zugkräftige Politik wäre, für die Aufhebung des ungeschriebenen Gesetzes der Segregation einzutreten. Zwei Weltkriege haben Neger und Weiße in den USA sehr viel nähergebracht und dem Problem manche Härte genommen. Ralph Bunche, Joe Louis, Louis Armstrong und Sugar Ray Robinson sind heute für alle Amerikaner in erster Linie Amerikaner und erst in zweiter Linie Neger, aber diese Neger sind eben nur eine Handvoll, der 15 Millionen gegenüberstehen, die ihrem handicap noch nicht entweichen können.

Reimund Müller