Die Bundesrepublik ist das einzige Land, das die Mindestreservepflicht auch auf Spareinlagen, ausgedehnt hat. Dadurch werden die Geschäftsbanken gezwungen, einen Teil der Spareinlagen – gegenwärtig mit einem Satz von 4 v. H. – bei ihren Landeszentralbanken als (zinsloses) Guthaben zu unterhalten. Diese Maßnahme geht auf den alliierten Gesetzgeber zurück, der in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands noch völlig ungewiß war, zweifellos eine gewisse Vorsorge treffen wollte. Entgegen den ursprünglichen Befürchtungen haben sich jedoch die Spareinlagen, – mit Ausnahme einiger Monate nach Beginn des Koreakonfliktes – ständig erhöht. Damit ist der „Kapitalcharakter“ dieser Einlageart offenbar geworden, eine Tatsache, die auch die Bank deutscher Länder dadurch anerkannt hat, daß sie die Spareinlagen aus ihrer Berechnung des Geldvolumens herausnahm.

Diese Entwicklung haben Bank- und Sparkassenkreise in steigendem Maße zum Anlaß genommen, eine Freistellung der Spareinlagen vom Mindestreservezwang zu fordern, damit die Gelder ihrem eigentlichen Zweck, der langfristigen Anlage, zugeführt werden können. Die Zentrumsfraktion hat sich dieser Auffassung angeschlossen und vor einiger Zeit einen Gesetzentwurf eingebracht, der durch Änderung des Emissionsgesetzes vom Juni 1948 die Herausnahme der Spareinlagen aus der Mindestreservepflicht zum Ziele hat. Gegen diese Bestrebungen sind verschiedentlich Bedenken laut geworden, insbesondere mit dem Hinweis, daß es aus gelddispositionellen Gründen nicht möglich sei, die in Betracht kommenden Mindestreservebeträge aus dem Zentralbanksystem herauszulösen. Eine Untersuchung des gesamten Mindestreservevolumens und seiner Funktion führt jedoch zu dem Ergebnis, daß sich die Freistellung der Spareinlagen vom Mindestreservezwang ohne weiteres vollziehen ließe.

Der Gesamtbestand an Spareinlagen dürfte gegenwärtig etwa fünf Mrd. DM erreicht haben. Hierfür sind Mindestreserven in Höhe von rund 200 Mill. DM zu halten, die aber nur knapp ein Zehntel des gesamten Mindestreservevolumens ausmachen, da die von den Kreditinstituten für Terminverbindlichkeiten (8 v. H.) und für Sichtverbindlichkeiten (15 v. H.; für Nichtbankplätze 12 v. H.) zu hinterlegenden Reserven erheblich umfangreicher sind. Die Mindestreserven sind keine blockierten Guthaben und werden daher von den Geschäftsbanken, die lediglich veipflichtet sind, das Reserve-Soll im Monatsdurchschnitt zu erreichen, für den Zahlungsverkehr unter Einschaltung des Zentralbanksystems verwandt. Diese Gelddispositionen lassen sich aber auch mit einem im Durchschnitt um 10 v. H. verringerten Volumen ohne Schwierigkeiten durchführen. Allerdings ist der Anteil der Reserven für Spareinlagen am gesamten Mindestreservevolumen innerhalb der einzelnen Bankengruppen verschieden hoch. Mit einem Drittel erreichte er bei den Sparkassen den weitaus größten Betrag, so daß bei diesen Instituten nach einer entsprechenden Verminderung ihrer Landeszentralbankguthaben Schwierigkeiten bei ihren Gelddispositionen vermutet werden könnten. Aber das ist aus verschiedenen Gründen nicht der Fall, vornehmlich deshalb nicht, weil die Gelddispositionen der Sparkassen infolge ihrer besonderen Geschäftsstruktur anderer Art sind als die der übrigen Banken. Außerdem unterhalten, die Sparkassen in der Regel ausreichende und terminlich abgestimmte Liquiditätsreserven, die ihnen weitgehend Spielraum lassen. Eine Gefährdung der Währung ist nicht zu erwarten, zumal auch die Auflösung der Bardepots im Herbst 1951, durch die innerhalb von zwei Monaten rund 1,4 Mrd. DM stillgelegter Gelder in den Verkehr flossen, keine nachteiligen Folgen hatte.

Falls die Bemühungen zum Ziele führen, würden Mittel in größerem Umfang frei, die eine entsprechende gesetzliche Regelung vorausgesetzt, für den Erwerb von Hypotheken- und Schiffshypothekenpfandbriefen zur Verfügung gestellt werden könnten. Damit würden diese Gelder aus der monetären Sphäre ausscheiden. Ferner würden die Kreditinstitute an Stelle bisher unverzinslicher Guthaben eine zinstragende Anlage erhalten, die ihre Ertragslage stärkt. Darüber hinaus aber hätten die Banken den Vorteil, daß sie künftig jeden Zuwachs an Spareinlagen nach eigenen Dispositionen verwenden können.

Herbert Glembin