Von Josef Marein

Wenn der rheinische Karneval eine Verteidigung nötig hätte, würde ich auf ein Vorkommnis hinweisen, das vielleicht wie kein anderes beweisen kann, daß die Rheinländer in ihren besten Augenblicken Helden sind: Helden der Selbstüberwindung. – Es war im zweiten Nachkriegsjahr. Die Deutschen erlitten den Hunger, die Kälte und die Lehre, schuldig zu sein. Wer aufrecht auf Lebensmittelkarten lebte, glich eher einem Skelett als einem leibhaftigen Menschen, und anstatt den Aufrechten erging es bloß den „Schrägen“ gut.

In jenem Winter, da Hamburg mit seinen Trümmern eine der traurigsten Städte der Welt war, unternahm Freund Berndorff eine beschwerliche Reise gen Westen, eine Fahrt, nur dem mühevollen Flug jener biblischen Taube vergleichbar, die vom Deck der Arche Noahs startete, um trockenes Land zu suchen. Er kehrte aus Köln keinen Ölzweig im Schnabel, aber im ein dünnes schlecht gestochenes Notenblatt. Noah kann den Ölzweig nicht mit tieferer Rührung hingenommen haben als wir, dies Blatt Papier. Inmitten einer Wüste von Traurigkeit der erste Gruß aus einem Lande neu aufkeimender Fröhlichkeit!

Soeben habe ich dieses Blatt aus meinem Notenregal herausgekramt. Es lag zwischen Bachs „Musikalischem Opfer“ und Beethovens „Eroika-Variationen“. Man verstehe diese Lage. Es ist die Abteilung B –: Bach, Berbuer, Beethoven ... Damals besaß ich nur den Berbuer. Aber als Bach und Beethoven hinzutraten, sagte ich ihnen aus Pietät: „Den Berbuer, den sollt ihr lassen stahn!“ Schließlich ist dies nicht gar so unpassend wie mancher im ersten Augenblick denken könnte.

Trägt diese Komposition doch den Titel „Marschlied“, eine Bezeichnung, die heute zwar nichts Anstößiges mehr hätte, damals aber, so kurze Zeit nach dem verlorenen Kriege, auf einen gewissen Heroismus schließen ließ! Wenn dies schon äußerlich die Nachbarschaft zu Beethovens Noten rechtfertigt, so ergibt sich die Nähe zu dem Bachschen Werk von selbst: „Das musikalische Opfer“ brachte Bach dem Preußenkönig Friedrich dar. Den Berbuer schenkte Berndorff mir, und es war ihm ein großes Opfer. „Au yes, Marie, au yes...“

An dieser Stelle kann der Leser erwarten, daß ihm das Berbuersche Werk analysiert werde. Fürwahr, dies soll geschehen. – Karl Berbuer – ein Mann, den nur der Karneval zum Künstler macht – hat nicht nur die Dichtung und Komposition von „Au yes, Marie, au yes“ geschaffen, sondern wir verdanken ihm noch eine stattliche Reihe anderer Schöpfungen, unter denen der .naturverbundene Gesang „Das kannst du nicht ahnen, du munteres Rehlein du“, das existentialistische Bekenntnis „Ich kann von der Luft allein nun einmal nicht leben“ sowie die gutbürgerliche Verlockung „Eß dat dann nix, Marie?“ besonders erwähnt seien. Gerade das letztere Werk ist schon deshalb bemerkenswert, weil offenbar eine Schicksalsbeziehung zu dem uns hier vor allem interessierenden Opus „Au yes, Marie“ vorwaltet. Beide Male wird Marie direkt angesprochen. Aber welche Fügung! Im ersten Falle spricht der Dichter-Komponist dieser Marie von einem „eigenen Häuschen, das nicht viel kostet“ (gemeint ist wohl, daß dieses Häuschen nicht viel Unkosten in der Instandhaltung verursacht), ferner von einem „Stall voll Küchelchen mit dicken Büchelchen“ (wobei unter „Küchelchen“ und „Büchelchen“ die kölnische Koseform von „Küken“ und „Bauch“ – angewendet wurde); schließlich rühmt sich der Verfasser, er habe „nebenbei“ ein „Pöstchen bei der Post“; und dies alles will er Marie in die Ehe mitbringen. „Eß dat – dann nix, Marie?“ fragt er in verständlichem Selbstbewußtsein.

Welch ein Schritt von dieser Idylle zur poetisch-musikalischen Welt des Nachkriegs-Songs „Au yes, Marie“! Vom Häuschen ist nicht mehr die Rede: es scheint inzwischen zerstört zu sein. Ja, der Dichter-Komponist gesteht sogar, daß er Marie fast nicht wiedererkannt hätte. Auch Michel, ihr Sohn, hat sich sehr verändert. Gewöhnt, als aufrechter Kölner den Ursachen nachzugehen, bricht Karl Berbuer dann in folgenden Ausruf aus, der musikalisch einen reizvollen Klageton mit unbeugsam optimistischem Rhythmus verbindet: „Au yes, Marie, au yes! Weisse wat verschwunden es? Dat Büchelche vun meer (mir) un dat Büchelche vun deer (dir) un dat Büchelche vum Michelche, un dat kunnt doch nix daför!“ – Man beachte, wie feinsinnig in der Verwendung des englischen Wortes Yes das Besatzungsmotiv und im Hinweis auf das offensichtlich noch sehr kleine Michelchen das politische Schuld- beziehungsweise Unschuld-Motiv angedeutet werden! Dies alles aber wurde gesungen und getanzt im ersten echten Kölner Nachkriegs-Karneval. Wer ein Gehirn zum Denken hat, der denke!

Es ist eine Tatsache, auf die jeder Rheinländer stolz sein kann und die jeder Nicht-Rheinländer – wenigstens zur Karnevalszeit – bewundern sollte: daß damals Hungernde über den Hunger gelacht haben--Über die eigene Misere, über sich selbst zu lachen, ist der schönste Sieg, ist jener Humor, den alle zu haben wünschen und den doch die meisten verlieren, wenn’s ernst wird... Dies im Herzen bewegend, lege ich meinen Berbuer auf seinem Platz zurück, als ein Andenken, das ich zu gegebener Zeit wieder beherzigen will.