Wenn die Menschen verstummen

Wenn heute die Pfarrer einen solchen Zulauf hätten wie die Psychologen, dann stände es besser um uns! Damit soll weder gegen die Pfarrer noch gegen die Psychologen etwas gesagt sein. Aber der Gedanke drängt sich auf, wenn man beobachtet, welchen Menschenandrang zum Beispiel die Vorträge des Hamburger Psychiaters Professor Dr. Mauz jedesmal hervorrufen. Vor einigen Monaten wollte Mauz im kleinen Saal einer Kirchengemeinde sprechen, aber lange vor Beginn des Vortrages waren so viele Menschen zur Stelle, daß man den Vortrag in die Kirche selbst verlegen mußte, in der dann noch der letzte Platz besetzt war. Vor einigen Tagen sprach Mauz auf einer Veranstaltung der Jungius-Gesellschaft im größten Hörsaal der Hamburger Universität. Auch diesmal wieder war der Raum überfüllt. Und das eine wie das andere Mal fiel auf, daß die überwiegende Mehrzahl der Zuhörer Frauen war.

Bei allem schuldigen Respekt vor der wissenschaftlichen Bedeutung der Ausführungen des Professors und bei aller Bedachtnahme auf den bemerkenswerten Charme, mit dem er seine komplizierten Probleme erläuterte, scheint uns die Popularität solcher Vorträge doch weniger am Vortragenden als an den Zuhörern zu liegen. Vor-einigen Jahrzehnten sagte der gegen Freud erbitterte Karl Kraus, die Psychoanalyse sei die Krankheit, die zu heilen sie vorgibt. Man muß diese Pointe gewiß nicht auf die Psychologie im allgemeinen anwenden, aber man kann doch sagen, daß der Andrang zu den Psychologen seinerseits ein Symptom sein muß, und zwar nicht nur ein soziologisches Symptom, sondern eines, das auch in anderen Bereichen eine große Labilität der Menschen anzeigt. So daß es interessant wäre, gerade darüber einmal einen Psychologen zu hören ...

In seinem Vortrag in der Jungius-Gesellschaft ging Professor Mauz auf den Nachweis aus, daß Spannungen, die im Seelischen nicht ausgelebt werden, schließlich Störungen im Körperlichen hervorrufen. Es sind also nicht die Spannungen selbst – deren ja der Krieg und die Nachkriegszeit ein Übermaß brachten –, die zu Störungen führen, sondern die Unfähigkeit der Menschen, diese Spannungen in seelischen Bereich zu Ende zu leben. Das heißt: es ist ein seelischer Verarmungsprozeß, der die Auflösung der Erregungen verhindert.

Worte ohne Kredit

Es ist vor allem die seelische Ausdrucks-Fähigkeit des modernen Menschen in einen Prozeß der Verkümmerung geraten. Ihr Mittel wäre an sich das Wort. Aber das Wort hat weithin seinen Kredit verloren, beim Sprecher sowohl wie beim Zuhörer. Die Menschen sind außerordentlich mißtrauisch gegen das Wort, besonders wo es als Ausdruck von Pathos, von Ergriffenheit zu dienen hätte. Professor Mauz. räumt ein, daß von diesem Mißtrauen sogar das Vokabular der Psychologie betroffen ist; die Menschen akzeptieren den psychologischen Wortschatz keineswegs, ja, der durchschnittliche Mensch versteht dieses Vokabular nicht einmal, er kann sich darin nicht ausdrücken; was er aber nicht ausdrücken kann, das kann er auch nicht denken, und das ist auch keine Tatsache für ihn. Daher – so meinen wir – wäre es vielleicht notwendig, für dieses Gebiet einen anderen Wortschatz zu finden. Diese Einbuße des Wortes bedeutet aber im Leben einen Schwund im Seelischen. Das kann man nicht kritisieren, sondern muß es einfach als Tatsache nehmen. Dazu gehört ebenso, daß niemand seine seelischen Erregungen und Bewegungen ausdrücken kann, wie daß niemand solchen Ausdrücken mehr zuzuhören versteht. Das Seelische wird aber dadurch nicht aufgehoben oder beseitigt, daß es nicht zum Ausdruck kommen kann. Die – nur anscheinend verschwundenen – Erregungen sind trotzdem da; weil sie jedoch nicht gelebt wurden, wie dies doch natürlich wäre, rufen sie anderswo Störungen hervor. Das geschieht keineswegs nur in nervösen Menschen. Sondern je feiner ausgeprägt ein Mensch ist, desto eher werden sich in seinem Körper die Schäden der nicht zu Ende geführten, der ungelebten Erregungen zeigen.

Der Verlust des Wortes ist nur einer der Faktoren, welche die Lösung von Erregungen. im seelischen Bereich behindern. Maus führt eine Reihe von anderen an. Eine ähnliche Rolle spielt zum Beispiel die Bedeutungslosigkeit, die dem Schicksal des einzelnen zuzumessen sich unsere Zeit angewöhnt hat. Auch dies hält den einzelnen ab, dem andern von sich etwas mitzuteilen. Die allgemeine Überbewertung der Anpassung im Leben, ein Element besonders des amerikanischen way of üfe, drängt in die gleiche Richtung.