Die Frage der zukünftigen Gestaltung der Europäischen Zahlungsunion (EZU) stellt sich vor allein deswegen, weil der Barbestand der EZU an Geld Ende 1951 auf knapp die Hälfte des Anfangsbestandes zurückgegangen war. Das liegt vor allem daran, daß die großen Schuldnerländer auf Grund ihrer höheren Kreditmargen nur geringe Beträge in Geld abzudecken brauchen, während satzungsgemäß an die kleinen Gläubigerländer die Überschüsse voll in Gold auszuzahlen sind. Die Reformpläne reichen, nun von einfachen technischen Anpassungen der Größenordnungen bis zu revolutionär anmutenden Vorschlägen, die Wechselkurse ganz freizugeben.

Die technische Anpassung wäre sehr einfach durch eine Kapitalaufstockung der EZU zu erreichen. So wurde schon vor Monaten von der BIZ empfohlen, die noch ausstehenden Mittel des letzten Marshall-Plan-Jahres global der EZU als Stärkung ihrer Reserven zuzuweisen: Dazu waren die Amerikaner jedoch nicht bereit, sondern es blieb bei den länderweisen Zuteilungen, obwohl in letzter Zeit auch den Amerikanern erhebliche Bedenken über die Zweckmäßigkeit dieser Methode gekommen sind. Trotzdem sind die Aussichten einer Kapitalaufstockung durch amerikanische Hilfe wahrscheinlich ebenso gering wie die, daß die Mitgliedsländer der EZU bereit wären, einen Teil ihrer Gold- und Dollarreserven zugunsten der EZU abzuzweigen, zumal sie meistens bereits eine Goldeinlagenpflicht beim Internationalen Währungsfonds (IWF) haben. Man hat deshalb auch schon daran gedacht, statt einer Kapitalaufstockung den Anleiheweg zu gehen, wofür die Mitgliedsländer, die USA, der IWF und die Weltbank, in Frage kämen. Aber abgesehen davon, daß man ja auch im Zusammenhang mit der europäischen Verteidigungsfinanzierung an internationale Anleihen denkt, würde es sich nur um Symptomkuren handeln, die den Grundfehler – die statische Struktur – auch nicht beseitigen würden. Das gilt ebenfalls für etwaige Änderungen der Quoten oder des Gold-Kreditverhältnisses (bisher 40:60). Es hat sich eben gezeigt, daß man eine dynamische Entwicklung – Europa befindet sich in einer solchen zur Einheit hin – nicht in das Korsett statisch bedingter Mechanismen zwingen kann. Deswegen kann und muß die notwendige Reform der EZU nur unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, daß sie diese Entwicklung zur Einheit zu fördern geeignet ist.

Es darf in diesem Zusammenhang als erfreuliches Zeichen gewertet werden, daß das Problem der Wechselkursflexibilität allem Anschein nach stärker in die Debatte gekommen ist, als sogar Optimisten noch vor wenigen Monaten für wahrscheinlich hielten. Hier kann. es sich die EZU durchaus als Verdienst buchen, zur Schaffung der notwendigen Voraussetzungen erheblich beigetragen zu haben. Eine sehr wesentliche Vorbedingung freier Wechselkurse ist. nämlich eine etwa den gleichen Prinzipien folgende Geld-, Kredit- und Finanzpolitik der Partnerländer. Es läßt sich nicht leugnen, daß ein westeuropäisches Land nach dem andern – gleichgültig ob Schuldner- oder Gläubigerland – auf die Linie eingeschwenkt ist, die erstmalig bei der deutschen Zahlungsbilanzkrise von der EZU als richtungweisend gegeben wurde.

Die zweite nicht minder wichtige Voraussetzung, nämlich freie Kapitalbewegungen, die etwaigen Wechselkursschwankungen entgegenwirken und sie ausgleichen, scheint sich ebenfalls eher als erwartet verwirklichen zu lassen. Das europäische Verteidigungsproblem läßt sich weder technisch noch finanziell auf nationaler Basis lösen. Der Schuman-Plan bedingt ebenfalls beträchtliche Kapitalbewegungen. Dazu kommen jüngste amerikanische Bestrebungen, das Pacht-Leih-System wieder in Gang zu bringen. Das alles sind Faktoren, die den Rahmen der Devisenbewirtschaftungen und damit die starren Wechselkurse sprengen sollten. Die logische Entwicklung müßte also dazu führen, die EZU zumindestens zu einem europäischen Clearing-Haus zu machen. Solange eine Poolung der europäischen Gold- und Dollarreserven und damit praktisch eine einheitliche „Europa-Devise“ wegen der nationalen Hemmungen noch nicht geschaffen werden kann, würde eine Freigabe der Wechselkurse und der Kapitalbewegungen im Ergebnis auf dasselbe hinauslaufen, ohne gleichzeitig die Aufgabe der „Währungssouveränität“ zu bedingen.

Die endgültigen Reformpläne der EZU sind in Paris zurückgestellt worden, bis die Finanzierung der europäischen Verteidigung wenigstens im Prinzip klar ist. Danach wird sich zeigen, ob man auch für die EZU zu einer Reform an Haupt und Gliedern bereit ist oder sich auf Provisorien beschränkt, deren einzige Langfristigkeit in der dauernder Wiederholung „kurzfristiger“ Krisen besteht. – R. E. L.