Zur Ausstellung Karl Hartung

Im letzten Jahrzehnt hat sich in der ganzen freien Welt die „gegenstandslose“ Bildhauerei durchgesetzt. Selbst im konservativen England waren unter den Skulpturen, die anläßlich des Londoner Festivals im Battersea-Park aufgestellt wurden, viele gegenstandslose Figurationen. Im Deutschland der letzten beiden Jahrzehnte haben nur wenige einzelne die neue Stilbildung bemerkt. Zu ihnen gehört der vierundvierzigjährige Bildhauer Karl Hartung – Hamburger, aber seit langen Jahren Wahlberliner –, den die Hamburger Galerie Grabo-Stevenson in einer kleinen Schau jetzt zum erstenmal in seiner Heimatstadt zeigt.

Dieser Fall ist um so mehr erstaunlich, als der Bildhauer, der ursprünglich bei dem Beispiel Maillols ansetzte, gerade in den Jahren um 1935 an die abstrakten Ausdrucksmittel geriet, in jenen Jahren also, da Hartungs deutsche Umwelt den Zeugnissen moderner Anschauung die Scheiterhaufen errichtete. Um abstrakte Kunst handelt es sich also. Und hat sich nicht tatsächlich die uns um gebende und in unserer Vorstellung vorhandene Welt außerordentlich verändert? Das wird dem Betrachter der Zeichnungen Hartungs sehr deutlich, wenn er sie etwa auf ihre Räumlichkeit ansieht. Hier wird das Illusionistische abgedrängt; Raum wird durch ein Spannungsnetz formaler Energien eingefangen, und das Unendliche wird in Flächen und Kraftlinien dargestellt, die ein künstlerischer Geist aus visueller Erfahrung und Vorstellung errichtet. Rechnerische Operation des Intuitiven! Das scheint mir unser modernes Verhalten zum Raum und zum Unendlichen überhaupt zu sein, das sich wissenschaftlich in Energiesymbolen und Feldbegriffen ausspricht. Es ist dies neue Raumerlebnis, das viele heutige Künstler zum Mittun und Mitdichten verlockt.

Wir Heutigen antworten anders auf die Eindrücke der Außenwelt. Uns sind die Dinge, die uns umgeben, Gebrauchsgegenstände, keine Gegenstände der betrachtenden Schau. Wenden wir uns ihnen aber einmal schauend zu, so verlieren sie unverzüglich ihren alten Namen und werden seltsam magische, selbständig existierende, konkrete Gebilde, die uns mit Furcht oder Zärtlichkeit erfüllen. Ein Bezug zwischen ihnen und uns stellt sich her und wir geraten in ein anderes Vertraulichkeitsverhältnis zu ihnen, das ein Zuständliches in uns auslöst, einen Zustand der Beunruhigung oder des Glücks, der Qual oder des Gleichgewichts. Wenn dem so ist – so etwa stellt sich Hartungs Gedanke dar –, warum dann nicht selbst solche konkreten Dinge machen? Warum sich nur mit den Beispielen der Natur begnügen? Warum dann den Weg nicht auch einmal umgekehrt wählen und aus dem Zuständlichen in uns nun selbst konkrete Dinge treten lassen, die die ganze Skala unseres Daseinsgefühls doch unvergleichlich feiner reproduzieren können? Auch auf solche Weise kann ein anschauliches Gebilde entstehen, an dem sich unser Geist schauend ausruht und sich zu erinnern beginnt, vielleicht gar bis zu jenem ganz Fernen und Hohen hin, dessen Zeichen einst der Heiligenschein war. W. H.