Von Paul Hühnerfeld

Als ich das erste Mal Knut Hamsuns „Hunger“ las, war ich sechzehn Jahre alt. Ich glaube; daß die Lektüre damals für mich eine gefährliche Sache war. Danach nämlich erfüllte mich eine Unruhe, die schlecht in jene Tage paßte, in denen wir Jüngeren ständig anzutreten und zu gehorchen hatten. Heute weiß ich, daß Knut Hamsun in mir zum ersten Male ein starkes Gefühl für mein eigenes Dasein hervorrief: ich entdeckte mich als Individuum. Und zwar auf Grund-einer Analogie. Ich verglich mich mit ihm, Hamsun (denn selbstverständlich nahm ich damals an, daß es sich um ein autobiographisches Buch handelte), und ich fühlte einen Teil seines Hungers: den seelischen nämlich, wenn auch zurückgeschraubt auf das Niveau eines sechzehnjährigen Durch-, schnittsjungen und mit alltäglicher Durchschnittspoesie umrankt. Heute ist mir klar, daß solche Identifikationen Anmaßungen sind und keine Interpretation des Dichters. Aber damals beging ich diese Anmaßungen mit großer Begeisterung und gutem Willen.

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Ich muß zugeben, daß ich bei der zweiten Lektüre erneut dieser Anmaßung des Vergleiches erlag. Es gab aber mildernde Umstände dafür: es war in einem Gefangenenlager nach dem Krieg. Wir lagen auf einem feuchten Acker, der durch einen Bahndamm begrenzt wurde, auf dem das Gras zwischen den rostigen Schienen wuchs, während die amerikanischen Posten auf dem Gleis balancierten. Als Eßration gab es damals pro Tag für vier Mann eine kleine Schachtel, Keks. Da entdeckte ich das Buch im Tornister meines Nebenmannes. Er hatte es aus der Bibliothek des Schweren Kreuzers „Admiral Hipper“ entnommen, wie sich aus dem Stempel ergab. Und weil ich nachts Hungerträume hatte, konnte ich am Vormittag bei der Lektüre erkennen: Der Autor dieses Buches hat wirklichen Hunger gehabt. Das – finde ich – wird in allen Kritiken und Essays über Hamsun zu wenig beachtet. Da liest man von „metaphysischem Vagabundieren“ als „Lebenskategorie“, vom „Einfluß von ... auf ...“ und im Vor- oder Nachwort ganz kurz, daß es dem Dichter, bevor man ihn als Dichter kannte, nicht allzu gut gegangen sei.

Bei dieser zweiten Lektüre sah ich aber auch zum ersten Male den Unterschied zwischen einem Dichter und einem gewöhnlichen Menschen wie mir. Gehungert hatten er und ich. Aber er dichtete ein Buch darüber, während ich in den Stunden, in denen ich nicht las, mit einem Bleistift auf einem verschmierten Block einen – ausgedachten Speisezettel schrieb.

Jetzt habe ich „Hunger“ zum dritten Male gelesen. Ich nahm das Buch aus dem Schrank, weil einen Tag bevor der Dichter starb, der Berliner Kritiker Friedrich Luft im Sender RIAS Hamsuns Stück „Vom Teufel geholt“ als „geistigen Faschismus“ bezeichnete. Ich hatte nach dieser Bemerkung ein Schuldgefühl, ich weiß nicht recht, weshalb, ich begann jedenfalls wieder in dem Roman zu lesen. Natürlich bemerkte ich nun einiges, was der Literaturhistoriker das „Einordnen“ nennt. Schon ganz im Anfang des Romans zum Beispiel fiel mir der Satz auf: „Die Luft war leer und hell, Und mein Gemüt war ohne einen Schatten“, den Hamsun zur Bezeichnung einer guten Gemütsstimmung verwendet, und daraus könnte man natürlich schließen, wie nah die Hauptperson des Romans einem hellen, nordisch gedachten Nichts gegenübersteht. Das ist ein anderes Nichts als das bei Kierkegaard. Bei dem ist es abendländischer, er selber ist mehr ein entgleitender Christ. Aber den Ausnahmezustand haben Hamsun und der Däne gemeinsam, und sie schildern ihn auch mit derselben Technik. Füllen sich die Personen Kierkegaards als eine „an den Rand der Büchse gequetschte Sardine“ (denen in der Mitte geht’s gut), als eilt „Versichskaninchen für das Dasein“, so sagt der Vagabund in „Hunger“: „... überlegte ich es mir recht, wurde es mir immer unbegreiflicher, daß gerade ich zum Probierstein für die Laune Gottes ausersehen sein sollte. Es war dies eine höchst eigentümliche Art vorzugehen der Antiquarbuchhändler Pascha und der Dampfschiffexpediteur Hennes waren doch auch noch da ...“

So gesehen war Hamsun natürlich kein Humanist, da er an den Grenzen des Humanismus operierte. Und zwar auf eine „germanische“ Weise. Vielleicht war er aber auch ein großer Humanist, weil er diese Grenzen erweiterte. Denn ist nicht jede künstlerische Bewältigung – auch die des Unmenschlichen – human? Wäre das nicht so; wie antihumanistisch wären dann amerikanische Schriftsteller wie Faulkner oder Hemingway!