/ Von Kurt Zentner

„Die großen Schlachten von Moskau, Stalingrad und Kursk haben Hitlers Unfähigkeit bewiesen. Parallel dazu und nicht weniger verhängnisvoll war seine Auseinandersetzung mit den Generalen. Der Gefreite haßt in den Tiefen seiner Seele das von ihm offiziell verherrlichte Preußentum und die Tradition seines Offizierskorps. Je länger der Krieg dauerte, um so geringer wurde der Einfluß der Leute, die das Kriegshandwerk studiert hatten: der Generale. Hitler war militärisch allein verantwortlich. An allen Fronten ging es seit Anfang 1943 rückwärts. Aber immer noch war ‚der Führer‘ nicht fähig, Rückschläge im voraus einzukalkulieren, noch immer glaubte er, der Gegner werde stets das tun, was er von ihm erwartete. Gröber und gröber, blutiger und blutiger wurden die Fehler der Hitlerschen Kriegführung. Aber Warnungen waren im Führerhauptquartier verpönt, Kritik war ausgeschlossen. Ein Kreis von Ja-Sagern war in die höchsten Führungsstellen aufgestiegen.“ – Mit diesen Worten schließt Zentner den ersten Teil seines Tatsachenberichts „Nur einmal konnte Stalin siegen“ (Lehren und Bilder aus dem Rußlandfeldzug 1941 bis 1945. Gruner - Verlag GmbH., Hamburg). Gegenüber der Inkonsequenz und Raserei der Kriegführung Hitlers konnten sich auch die Tüchtigkeit und der Opfermut des deutschen Soldaten nicht durchsetzen: „Stalin hatte in Hitler einen Gegner, der keine strategische Bildung besaß, der den deutschen Generalstab seiner fähigsten Köpfe beraubte und der schließlich auch noch an die Stelle der hervorragenden Militärexperten Parteibonzen setzte (Himmler und Bormann). So wurden dem Kreml die drei entschiedenen Siege des Rußlandkrieges ermöglicht: Moskau, Stalingrad und Kursk. So ließ man die Blüte der deutschen Jugend auf den Schneefeldern Rußlands verbluten.“

Die Unsinnigkeit der Hitlerschen Strategie im Ostkrieg war der wichtigste Faktor der deutschen Niederlage, ein Faktor aber, der seiner Natur nach unwiederholbar ist und auf dessen Wiederkehr Stalin auch nicht rechnen kann. Zentner führt in seinem Tatsachenbericht an, es seien vier andere Faktoren gewesen, die zu Stalins Sieg entscheidend beitrugen.

1. Der unbarmherzige Luftkrieg, dem Deutschland und seine Produktionsstätten seit 1942 ausgesetzt war. Im Mai 1944 hatte der Ausstoß der deutschen Hydrieranlagen noch 316 000 Tonnen betragen, im September war er auf 17 000 Tonnen gefallen. Stalin wußte sehr wohl, warum er dem britischen Luftmarschall Sir Arthur Harris, dessen Aktionen allerdings in diesem Jahre von den amerikanischen weit überboten wurden, den Suworow-Orden 1. Klasse verlieh. Die angelsächsischen Luftangriffe, von denen die durch Sir Arthur geleiteten Flächenbombardements allerdings mehr auf Einschüchterung der Bevölkerung als auf Schädigung der Produktionskraft abzielten, hatten nach einem Wort Stalins die Aufgabe der Roten Armee „beträchtlich erleichtert“.

2. Die gewaltigen Lieferungen von Kriegsmaterial und Nahrungsmitteln, welche die USA seit dem Oktober 1941 nach Rußland schickten. 2660 Schiffe transportierten 17,5Millionen Tonnen Güter nach der Sowjetunion, darunter viele Tausende von Geschützen und Panzern. Hunderttausende von Fahrzeugen, fast 15 000 Militärflugzeuge und so weiter.

3. Die Unfähigkeit der nationalsozialistischen Verwaltung in den besetzten Ostgebieten, die durch Dummheit und Brutalität die dort lebenden Völker, welche auf Befreiung gehofft hatten, ins Lager des Bolschewismus zurücktrieb und so selbst den Partisanenkrieg hervorrief. Der Repräsentant dieser Politik war der frühere Gauleiter und Reichskommissar in der Ukraine, Erich Koch, der sich, wäre er ein Beauftragter Stalins in deutscher Uniform gewesen, nicht anders hätte verhalten können. Koch und seine „Goldfasane“ riefen in der Ukraine solche Enttäuschung und Erbitterung hervor, daß Stalin verkünden konnte: „Die Deutschen rechneten darauf, daß die Sowjetordnung und das Sowjethinterland nicht fest seien..., daß es zu Aufständen kommen würde... Aber auch darin haben sich die Deutschen getäuscht.“