Von unserem Münchener Korrespondenten

L. München, Ende Februar

In Bayern ist ein Verfassungskonflikt ausgebrochen. Wenn man von jenem Konflikt absieht, der seinerzeit zwischen der Krone und der Volksvertretung wegen Lola Montez ausbrach, so ist es der erste in der Geschichte dieses Landes: Der Bayerische Landtag klagt beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht gegen das Münchner – Landgericht, das sich geweigert hat, Philipp Auerbach vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß aussagen zu lassen. Die Klage stützt sich auf den Artikel 25 der Bayerischen Verfassung, die dem Landtag ganz eindeutig das Recht einräumt, alle, auch die gerichtlich anhängigen Fälle vor sein Forum zu zitieren. Gegen die drei Richter, die, wie die Klage sagt, „im Widerspruch zur Verfassung“ die Freigäbe Auerbachs verweigerten, wurde die Dienstaufsichtsbeschwerde beim Justizministerium beschlossen.

Freilich, wie der Landtag zu seinem Zeugen kommen soll, selbst wenn die Verfassungsgerichtshöfe in seinem Sinne entscheiden, das ist noch ungeklärt. „Ja, wenn wir eine Hundertschaft Polizei hätten, dann holten wir uns Auerbach selbst heraus!“ wurde im Landtag ausgerufen. Was für ein Bild! Regierungstruppen im Kampf gegen Parlamentstruppen – das gab es nicht seit den Tagen Karls I. und Oliver Cromwells. Und dies alles wegen Philipp Auerbach?

Der Fall ist ernster, als diese etwas skurrilen Nachrichten vermuten lassen. Die wenigen, die sich bemühen – und auch das nur heimlich –, den Fall Auerbach objektiv zu beurteilen, sprechen von einem „Fall Dreyfus“. Was allerdings auch nicht stimmt, bis auf folgende Tatsachen:

Wie Dreyfus, war Auerbach verurteilt im Augenblick, da er angeklagt wurde. Und er war angeklagt, noch ehe er verhaftet wurde. Er konnte überhaupt nicht unschuldig sein, davon waren Juden und Christen von Anfang an gleichermaßen überzeugt. Warum? Nicht daß er einen kriminellen Eindruck machte. Aber er saß an einer Stelle, wo sich jedes noch so liebenswerte und diplomatische Genie vom Ballhausplatz des alten Wiens verhaßt gemacht hätte. Man muß das einmal gesehen haben! Schlangen von Menschen, die die Gänge und Treppen entlang und hinunter standen, ein jeder überzeugt, daß er das vordringliche Recht auf Hilfe habe und daß es nur an Auerbach, dem Präsidenten des Landesentschädigungsamtes, läge, ihm dieses Recht zu verschaffen oder zu verweigern.

„Ich bin eigens von Augsburg hereingekommen, weil ich doch 50 Mark brauche. Der Herr Präsident wird doch nicht so bös sein und mir nicht...“ – „Zwölf Jahre saß ich im KZ, und jetzt wart’ ich hier schon seit drei Wochen. Immer telephoniert er...“ Das und ähnliches konnte man alle Tage hören. Es ist bezeichnend genug. Über Schuld oder Unschuld, oder eine Mischung von beiden, kann hier keine Meinung geäußert werden, aber daß Auerbach weder liebenswert noch ein diplomatisches Genie war, dürfte wohl feststehen. (Am höflichsten war er noch mit Emmy Göring, als diese gleichfalls Wiedergutmachungsansprüche anmeldete.) Außerdem umgab ihn der Nimbus, über unvorstellbare Reichtümer zu verfügen, und – er war wohlbeleibt! „Auerbach – auf die Waage!“ schrie ein studentischer Sprechchor vor der Währungsreform unter seinen Fenstern. Was hätte es ihm genützt, wenn er ein ärztliches Gutachten verlesen hätte, daß er an Drüsen- und Kreislaufstörungen leide. Er war dick, und dick konnte er nur sein, weil er Präsident des Landesentschädigungsamtes war, also ein Schieber, so meinten viele. „Daß der Kerl noch immer nicht verhaftet ist! Na ja, die Demokratie...“