In diesen Februar-Monat fiel der 200. Geburtstag eines anderen Frankfurter „Faust“-Dichters: Friedrich Maximilian Klingers. Die literarische Öffentlichkeit in Deutschland nahm nur spärliche Notiz davon. Mit Unrecht. Klinger war eine bedeutende Erscheinung, und die Grundzüge seines Werkes sollten einer Zeit, die Grenzen und Gefahren der Freiheit zu spüren bekommt, nicht nur „historisch“ von Interesse sein. Aber keine Klinger-Auswahl ist unter den Büchern dieses Jahres, und Gerhard F. Herings kleiner Band mit Klingerschen Aphorismen („Betrachtungen und Gedanken“, 1947 bei Claassen & Roether, Darmstadt) blieb ohne Nachfolge. So mag der Hinweis auf den Dichter hier als Mahnung gelesen werden.

Bekommt unsere Schuljugend in der Literaturstunde viel anderes von Friedrich Maximilian Klinger zu wissen, als daß er ein unausführbares Theaterstück geschrieben habe? Dessen Titel pflegt für die Geniezeit des jungen Goethe und seiner Mitstreiter als literarhistorisches Stichwort zu dienen. Der Dichter seinerseits hatte statt „Sturm und Drang“ seinen gewitternden Amerika-Fünf-Akter lieber „Der Wirrwarr“ taufen wollen. Wirrwarr allerdings ist in jenem kraftgeschüttelten Schauspiel das dramaturgische Prinzip. Ihm in Ehren gab der vierundzwanzigjährige Klinger seinem Theaterhelden den Namen „Wild“ mit auf die Szene. „Labe dich im Wirrwarr, tolles Herz!“ Oder: „Ich will mich über eine Trommel spannen lassen, um eine neue Ausdehnung zu kriegen. Oh, könnte ich in dem Raum einer Pistole existieren, bis mich eine Hand in die Luft knallte!“

Wieland, über die Vierzig hinaus, als weimarischer Prinzenerzieher zum erfahrenen Hofmann gereift, ein scharfäugiger, ins Ironische verliebter Beobachter, nannte den in die Ilmresidenz zugereisten „Sturmvogel“ vom Mai freiweg einen „Löwenblutsäufer“. Aber bei aller vulkanischen Raserei ist jener nicht nur mit expressionistischer Ausdrucksfülle begabt, sondern imstande, sein Elend zu analysieren: „Unser Unglück“, sieht er ein, „kommt aus unserer eigenen Stimmung des Herzens, die Welt hat dabei mitgetan, aber weniger als wir.“ Und auch sein Gegenspieler ruft aus: „Wie wohl dem, der sich vorlügen kann!“ Solche Gestalten entwirft nur einer, der nie lernen wird, sich das mindeste vorzumachen.

Der Mitbürger und Studiengenosse Goethes rang sich aus ärmlichsten Verhältnissen zäh empor, erfuhr vom glückhafteren Dichter des „Götz“ und des „Werther“ mancherlei Daseinshilfe, reüssierte mit seinem Drama „Die Zwillinge“ bei einem Preisausschreiben des Hamburger Theaterdirektors Friedrich Ludwig Schröder, war kurze Zeit Theaterdichter einer reisenden Truppe und wurde zuletzt in Württemberg und Rußland Berufssoldat. Bettina von Arnim, geborene Brentano, schätzte, ja liebte Klingers spätere Aphorismen und Reflexionen so sehr, daß sie sie nie von ihrem Schreibtisch entfernte. Goethe wiederum bat, als er das Material zu „Dichtung und Wahrheit“ zusammentrug, den Jugendfreund Klinger, der am Zarenhof bis zum Generalleutnant aufgerückt war, ihn in der Erinnerung an das gemeinsam Durchlebte ja brieflich zu bestärken.

„Die Natur hatte ihm eine große, schlanke, wohlgebaute Gestalt und eine regelmäßige Gesichtsbildung gegeben; er hielt auf seine Person, trug sich nett. Er, nebst einer ebenso schönen und wackeren Schwester, hatte für eine Mutter zu sorgen, die als Witwe; solcher Kinder bedurfte, um sich aufrechtzuhalten. Alles, was an ihm war, hatte er sich selbst verschafft und geschaffen, so daß man ihm einen Zug von stolzer Unabhängigkeit, der durch sein Betragen ging, nicht verargte.“ So Goethe, der an Klinger die Auffassungsgabe, das Gedächtnis, die Sprachbegabung und den Mangel an „Biegsamkeit“ rühmt. „Nicht mit sich selbst, aber mit der Welt des Herkommens“ im Streit, habe Klinger „sich durchstürmen, durchdrängen“ müssen; „daher sich ein bitterer Zug in sein Wesen schlich, den er in der Folge zum Teil gehegt, mehr aber bekämpft und besiegt hat“. Man kann das Gran Bitterkeit in Klingers Meinung nicht übersehen: „Der Mensch kann alles aus sich machen, und man kann alles aus ihm machen.“ Aber in Worten wie diesen spricht auch der Direktor der Erziehungsanstalt für die Petersburger Kadetten, der Kurator der Dorpater Universität.

Denn sein „innerer kräftiger Sinn“ trieb ihn, „erst die moralische Abrechnung mit sich abzuschließen“, ehe „er sich über das Weltganze zu richten erkühnte“. Faustische Selbstgewißheit wies ihm „zwischen Freiheit und Notwendigkeit“, wie er Goethe gestand, den Weg. Er wurde Stoiker, ohne sich der Genugtuung über seine ansehnliche literarische Produktion zu begeben. Zwei Lust- und acht Trauerspiele übernahm er in seine Gesammelten Werke. „Sturm und Drang“ war sowenig darunter wie jener „Simsone Grinaldo“, dem er den Beinamen „Löwenblutsäufer“ zu verdanken hatte. Höher als seine Dramen taxierte Klinger – als Spiegelbilder des Moralischen – seine Romane, voran wohl, 1791 publiziert, „Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt“, in dem Faust als Erfinder des Buchdrucks auftritt. Der Teufel stellt ihm ein Bein mit dem Ansinnen, sein Vertrag mit der Hölle solle nichtig sein, falls Faust dem Teufel die Einsicht aufzwinge, der menschliche Grundzug sei Tugend. Dazu ist Faust außerstande. Seine Höllenfahrt ist besiegelt.

Hansgeorg Maier