Im Bislett-Stadion von Oslo verlosch die olympische Flamme. Die besten Wintersportler von einunddreißig Nationen sagten am Montag einander „Lebewohl“, nachdem sie zehn Tage lang um die höchsten Ehren gekämpft hatten, die der internationale Sport zu vergeben hat. Wir Deutschen dürfen mit dem Ergebnis der VI. Olympischen Winterspiele mehr als zufrieden sein: drei Goldmedaillen, eine Silberne und drei Bronze-Medaillen bringen unsere Vertreter mit nach Hause zurück, und jedermann wird zugeben müssen, daß dies keiner von uns erwartet hatte.

So glänzend die Siege unserer Bobfahrer Ostler, Nieberl, Kuhn und Kemser waren, so hinreißend das Paarlaufen im Eiskunstlauf von Ria und Paul Falk sich gestaltete, die größte Freude haben uns doch die schneidigen Fahrten unserer Skiläuferinnen Annemarie Buchner-Fischer und Ossi Reichert gemacht, die allein vier Medaillen gewinnen konnten. Die Partenkirchenerin Mirl Buchner kann mit Recht von sich behaupten, die beste alpine Läuferin der Welt überhaupt zu sein, und hätte es noch eine alpine Kombination (Abfahrtslauf und Slalom) gegeben, sie hätte hierin unangefochten den Sieg errungen.

Es dürfte interessant sein, einmal zu hören, aus welchen Berufen unsere Vertreter stammten, und ob die Behauptungen wahr sind, daß eigentlich nur Nichtstuer oder reicher Väter Kinder sich einem Sport verschreiben können, der viel Zeit zum Üben und auch viel Zeit zur Teilnahme an Wettkämpfen erfordert. Mit fünfzehn Mann hielt der Kaufmannsstand die Spitze. Es folgten acht Haustöchter, je vier Gastwirte und Techniker und drei Polizisten sowie zwei Hausfrauen und zwei Installateure. Je einen Vertreter entsandten die Berufe: Spengler, Kriminalbeamter,

Holzschnitzer, Fotograf, Zimmermann, Lektorin, Bäcker, Tänzerin, Förster, Uhrmacher, Schreiner, Buchdrucker, und schließlich erschien auch noch ein Student auf der Teilnehmerliste. Wir können uns nicht denken, daß alle diese Menschen nur so nebenbei ihren Beruf ausüben und nach Belieben auf Reisen gehen können. Wir sind vielmehr der Meinung, daß viele von ihnen für ihren Sport manches andere Vergnügen aufgegeben haben.

Nun, da die Spiele beendet sind, drückt das Internationale Olympische Komitee schon eine andere Sorge. Den Auftrag, das nächste Welttreffen zu organisieren, erhielt vor längerer Zeit Australien. Doch aus dem schönen Plan scheint plötzlich nichts werden zu sollen. Aus Melbourne wurde gemeldet, daß die Besitzer des Kricket-Platzes, der für die leichtathletischen Wettbewerbe allein in Frage kommt, sich geweigert haben, ihr Gelände zur Verfügung zu stellen, das infolge der notwendigen Umänderungen praktisch zwei Spielzeiten lang für Kricketkämpfe ausfallen würde. Nur wer die Begeisterung der Australier für dieses Spiel kennt, kann diese Haltung einigermaßen verstehen, wenn auch nicht billigen. Wenn die australische Regierung nicht eingreift und Mittel zur Anlage einer eigenen olympischen Kampfbahn flüssig macht, wird sich das IOK nach einem anderen Lande umsehen müssen. Italien hat für Rom seine Ansprüche angemeldet, die Vereinigten Staaten bemühen sich für Detroit, Minneapolis, Chikago, Philadelphia und Los Angeles, und wenn die Russen erst in Helsinki wieder dabei gewesen sein werden, dürften sie sich gleichfalls melden wollen. Wohin also wird man 1956 gehen?

Auch die Amateurfrage läßt die olympischen Gralshüter nicht zur Ruhe kommen. Als Präsident des weltberühmten Kandahar-Skiklubs hat der britische Feldmarschall Montgomery einen Brief an den Herausgeber der „Times“ geschrieben, in dem er im Hinblick auf die Tatsache, daß es zur Zeit zwei Arten von Amateuren gibt (westliche und östliche), fordert, die Olympischen Spiele als offene Wettkämpfe für alle zu erklären. „Es werden“, so führt Montgomery aus, „immer Mittel und Wege gefunden werden, verkappte Professionals (sprich Staatssportler) an den Spielen teilnehmen zu lassen, die heute als Barometer für das nationale Prestige betrachtet werden. Das einzig richtige Verfahren ist es daher, die Olympischen Spiele in allen Disziplinen als offene Wettkämpfe austragen zu lassen, damit auf dem Sportfeld jeder gegen jeden antreten kann. Es könnte mithelfen zu verhindern, daß jeder gegen jeden auf dem Schlachtfeld kämpfen muß.“

Wie nicht anders zu erwarten, haben sich sofort zwei gewichtige Stimmen in England gemeldet, die mit aller Entrüstung gegen den auf dem sportlichen Glatteis ausgerutschten Soldaten Stellung nehmen. Lord Aberdare, langjähriges Mitglied des IOK, meint mit Recht, daß Montgomerys Vorschlag das Ende der Olympischen Spiele bedeuten und zu ungeahnten Schwierigkeiten führen würde. Er findet sich zwar mit dem ganz ungeklärten Amateurstatus gewisser Ost-Sportler ab, aber er ist „scharf“ gegen die Vorschläge seines berühmten Landsmannes. Noch entschiedener weist Lord Burghley, einst selbst ein siegreicher Olympiakämpfer und als Präsident des Britischen Olympischen Komitees der Organisator der Wettkämpfe von 1948, die Idee Montgomerys zurück. „Ich bin nicht gegen den Berufssport, und einige meiner besten Freunde sind ‚Pros‘. Aber Berufs- und Amateursport sollten getrennt werden. Die Olympischen Spiele sind nur für Amateure bestimmt, und so soll es auch bleiben.“ Walther F. Kleffel