Von Josef Marein

Es geschah unlängst, daß im Lande Beethovens, und zwar in der Stadt des Johannes Brahms, ein junger Pianist vor Gericht erscheinen mußte. Um es genau zu sagen: Das Land heißt Deutschland, die Stadt heißt Hamburg,-der Pianist heißt Reimer Küchler, der Bichter heißt Dr. Weitschat. Und damit wir’s nicht vergessen: das Aktenzeichen heißt 11 G 4/1952. Darin steht geschrieben, wie die Begegnung des Künstlers mit dem Richter endete. „Im Namen des Volkes!“ – so lautet es obenan auf dem Aktenstück. Wohlverstanden: es ist das Volk Beethovens, Schumanns, Wagners, Webers, ob, man könnte viele Namen nennen. Und im Namen dieses Volkes verurteilte der Richter Dr. Weitschat den Pianisten Küchler, der sich als aufstrebendes Talent bereits einen Namen gemacht hat, nicht So viel Klavier zu spielen.

Der Pianist wird diese Verfügung, wie es in der Urteilsbegründung heißt, „sehr ernst nehmen müssen, wenn er, sowohl wie sein Vater, nicht Gefahr laufen, wollen, wegen Belästigung der Hausbewohner gemäß Paragraph 2 des Mieterschutzgesetzes ihre Wohnräume zu verlieren oder hier in Strafe genommen zu werden.“ – Gott Orpheus, der du in Dramen, in Opern und neuerdings im Film gefeiert worden bist, weil die Allmacht deiner Leier Tote erwecken und Steine erreichen kann, komm nie nach Hamburg, ich bitte dich sehr. Du läufst Gefahr, in Strafe genommen zu werden. Und wenn du, göttlicher Orpheus, der du samt deiner Musik durch Wände dringen kannst, wie Cocteau es so nett beschrieb, für dich selbst auch nichts befürchten solltest, so denke wenigstens an deinen armen, alten Vater! Auf ihn nimm Rücksicht! Das ist meine erste innige Bitte.

Die zweite Bitte aber richte ich an die Richter. – Ihr Herren Richter, die ihr in Privatgesprächen manchmal über eure Kollegen sprecht, wie Ärzte über die ihrigen, und die ihr in der Öffentlichkeit doch zusammenhaltet wie Pech und – Ärzte: Bitte, verurteilt mich nicht, wenn ich in meiner Einfalt aus dem Aktenstück 11 G 4/1952 nicht ersehen kann, wieso auch der Vater des Pianisten mit Strafe bedroht werden mußte. Ja, ja, der Sohn, der sich leichtsinnig unterfing, Künstler zu werden, mag schuldig sein: er ist ja Pianist; soll er sehen, wie er weiterkommt! Und er hat, laut Quittung, auch die Gerichtskosten schon bezahlt, DM 10,05. Aber sein Vater ist pianistisch, unschuldig, ist nur das Sippenoberhaupt. Und das mit der Sippe... Nein, kein vorlautes Wort! Kein Vergleich, obwohl auch dem Mann der Feder erlaubt sein sollte, was der Mann des Rechts sich selbst erlaubte: er verglich nämlich – nennt es vorlaut oder nicht! – einen Flügel mit einem Raubtier und den Pianisten mit einem Tierbändiger, und so steht in der Urteilsbegründung folgender bildhafter Satz: „Schließlich kann ja auch ein Löwenbändiger seine Tiere nicht in eine Privatwohnung mitnehmen, um sie dort dressieren zu wollen.“ –

Doch nicht nur wegen solcher richterlicher Aphorismen über das Wesen der Kunst habe ich das Urteil mit Spannung gelesen – ich las es auch voller Mitgefühl. Das Schriftstück handelt also von einem jungen Künstler: der mußte einst im Namen des Volkes als Soldat kämpfer, worauf die damaligen Feinde ihm im Namen ihres Volkes ein Bein wegschössen. Im Namen seines Volkes wurde ihm daraufhin: ein Studienstipendium gegeben, und wirklich: er übte fleißig, hatte schließlich die ersten Erfolge und arbeitete noch fleißiger. Sagte er doch selbst vor Gericht, er habe, wenn er ein Konzert oder eine Rundfunksendung vorbereitete, manchmal sechs, ja acht, oft aber fünf Stunden täglich am Klavier gesessen, wenn auch im Jahresdurchschnitt (er habe sich dann nämlich auf Konzertreisen befunden) nur zwei Übungsstunden pro Tag herausgekommen seien. Nun aber wurde er im Namen desselben Volkes, das ihm durch ein Stipendium zu seinem Erfolg verhalf, verurteilt, nicht so viel zu üben. Der Mann, der den Pianisten vor Gericht gebracht hatte, er hatte beantragt, daß „der Antragsgegner sein Klavierspiel täglich auf vier Stunden, und zwar vormittags von 9.30 Uhr bis 11.30 Uhr und nachmittags von 15.30 bis 17.30 Uhr beschränkt und daß nachmittags nur Klavierübungen stattfinden dürfen, nachdem das Klavier mit einem Dämpfer versehen ist“. – „Dieser Antrag“, so urteilte der Richter, „mußte Erfolg haben“. Der Richter wies – und dies mit Recht, so darf man folgern – auf die Nerven der Mitbewohner des Hauses hin, „zumal nach den Aufregungen des letzten Bombenkrieges“. Ja, Mitleid gebührt auch ihnen, die den Pianisten vor den Richter brachten. Erst der Bombenkrieg, elf Personen in einer einzigen Wohnung und obendrein ein Klavierkünstler im Haus... Aber andererseits: Erst das Bein verloren und jetzt die Aussicht haben, im künstlerischen Beruf nicht weiterzukommen! Der junge Pianist hat, laut dem Schriftstück 11 G 4, gesagt, er müsse gerade in den nächsten Wochen sehr viel üben, da ihm ein Konzert mit neuen Werken bevorstünde. Der Richter hatte darauf nur einen Hinweis auf eine drohende Geld- oder Haftstrafe bereit. Darauf der Künstler: das nähme er in Kauf. Endlich der Richter – immer laut Akte 11 G 4 –: „Bei dieser Einstellung wird er sich nicht wundern können, wenn nunmehr auch der Antragsteller ebenso rücksichtslos die ihm nach Paragraph 490 ZPO zustehenden Rechte auf Verhängung einer Haftstrafe bis zu sechs Monaten und einer Geldstrafe in unbeschränkten Höhe wahrnehmen wird.“ Unterzeichnet: Dr. Weitschat.

Im Schriftsatz über die Zeugenvernehmung ist zu lesen, daß der Pianist eine fachliche Beurteilung, unterzeichnet von „verschiedenen Musiksachverständigen“, zu den Akten gereicht habe. Darin steht, daß ein Pianist, der ein Konzert vorbereite, sechs bis acht, mindestens aber fünf Stunden täglich üben, müsse. Einer dieser „Musiksachverständigen“ führt den Namen Philipp Jarnach, Professor und Direktor der Hamburger Hochschule für Musik. Ad acta! – Wenn ich den Richter etwas fragen dürfte, so würde ich ihn fragen, ob er weiß, daß der „Musiksachverständige“ Jarnach der große Schüler und geistige Erbe des „Musiksachverständigen“ Busoni ist, ein Stolz des deutschen und europäischen Kulturlebens, der moderne Hüter einer Tradition, die zurückreicht bis zu den „Musiksachverständigen“ Beethoven und Bach. Ad acta mit ihnen! Dem jungen Pianisten, der verurteilt wurde, nur vier: Stunden zu üben, und zwar nachmittags mit der Maßnahme, daß „das Klavierspielen. nur nach Anbringung eines mechanischen Dämpfers am Klavier stattfinden darf“, ist nicht zu helfen. Leider auch nicht dem Richter...*

Als Carl J. Burkhardt im vorigen Jahr zu Hamburg den Goethe-Preis in Empfang nahm, erzählte er in seiner Ansprache, wie sein Vater als junger Student einmal durch die Straßen Weimars gewandert sei. Plötzlich hielt ihn ein Unbekannter an: ‚Bleiben Sie stehen, junger Mann.‘ Burkhardt hörte Musik aus einem offenen Fenster. „Franz Liszt spielt“, sagte der Fremde. – Carl Burkhardt fügte dieser kleinen Szene folgende Bemerkung hinzu: „In einfacher, ungebrochener Weise noch vermochten es die jungen Menschen jener Generation, der mein Vater angehörte, vor dem unermeßlichen Reichtum unserer eigensten Welt zu staunen, jenem Reichtum, den kein äußeres Geschehen, nur unsere innere Verwirrung und Krankheit, innerer Zerfall uns rauben kann.“