Saint-Exupérys anti-utopische Utopie

Von Ingeborg Hartmann

Die Umstände seines Todes sind seit zwei Jahren aufgeklärt: der Dichter von „Wind, Sand und Sterne“ wurde am 31. Juli 1944 mit seinem Aufklärungsflugzeug von einem deutschen Jäger nahe bei Korsika über dem Mittelmeer abgeschossen. Madame de Saint-Exupery indessen glaubt nicht an den Indizienbeweis für sein Ende; sie ist überzeugt, daß ihr Mann in der Sahara als Mönch untergetaucht ist, in der Wüstenlandschaft, die ihm durch seine Flüge so vertraut wurde.

Sie täuscht sich gewiß, was das Faktische betrifft. Aber ihr Irrtum weist auf eine Wahrheit hin: In seinen letzten Lebensjahren war der Dichter dem Tode und der Zeit entrückt. Wie der Pilot in großer Höhe die Landschaften, so überschaute er die Wege der Menschen.

Nur aus dieser Lebensstimmung heraus konnte er fast acht Jahre lang Tag um Tag und Nacht um Nacht an einem Werk arbeiten, das die Summe seiner Erkenntnis von Menschengeist und Menschenmacht ziehen sollte. „La Citadelle“ nannte er es, nach jenen Wüstenforts, die dem Flieger als Marken in dem sonst so eintönigen Bild der gelben Unendlichkeit dienen. Krieg und Tod unterbrachen die Arbeit und verhinderten, daß die Entwürfe in endgültige Fassung gebracht wurden, So liegt heute nur ein Torso vor, aber ein gewaltiger Torso. Ihn in so unbehauenem Zustand dem großen Publikum vorzulegen, war ein Wagnis. Nachdem es sich in Frankreich durch eine Auflage von über 176 000 gerechtfertigt hat, sollte man die gleiche Resonanz auch der deutschen Ausgabe wünschen, die jetzt Oswalt von Nostitz, der Übersetzer von unfehlbarem Takt, unter dem Titel „Die Stadt in der Wüste“ bei Karl Rauch ungekürzt herausgebracht hat (Bad Salzig und Düsseldorf, 815 S., Leinen 24 DM).

Utopische Reiche werden mit Vorliebe auf Inseln angesiedelt. Auch die „Stadt in der Wüste“ ist eine Insel – eine Oase im Sandmeer. Die Isolierung zeigt schon an, daß das Reich, dessen Herrscher auf allen achthundert Seiten des Werkes allein das Wort hat, mit keinem bestimmten heutigen Staat oder System gleichzusetzen ist.

Also ein Idealstaat? Heute, im Zeitalter der utopischen Konstruktionen, schwärmerischer und abschreckender, ist es nötig, alle Mißverständnisse sogleich auszuschließen und zu betonen: Saint-Exupery entwirft keinen fertigen Staat, kein perfektes System, weder ein rosiges, wie in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, noch ein schwarzes, wie in Orwells „1984“. Sein Reich ist nicht gebaut auf Verfassung, Organisation, unveränderliche Gesetze und Institutionen. Es wandelt sich ständig, paßt sich der Erfahrung an, bleibt immer offen und bereit, neue Menschen in sich aufzunehmen und ihren Beitrag zur Fülle des Lebens für das Ganze zu verwerten. Worin – dieser Beitrag bestehen wird, läßt sich im vornherein nicht berechnen, denn diese Menschen sind noch nicht geboren.