Otto Kümmel zum Gedächnis

Vor kurzem schloß, wie „Die Zeit“ bereits meldete, Professor Dr. Otto Kümmel, der letzte Generaldirektor der Staatlichen Museen, Berlin, im 78. Lebensjahr für immer die Augen. Mit ihm ging einer der besten Kenner der ostasiatischen Kunst dahin. Wenn dieser Kunst auch sein Lebenswerk gewidmet war, so würde es doch eine Einschränkung bedeuten, zu behaupten, daß-Ostasien allein seine Interessen und seine Arbeitskraft erfüllt habe. Er gehörte noch zu der Generation von Gelehrten, die ein universales Bild der Kunstwelt aufnahmen und bewahrten. Bei aller Arbeit an speziellen Problemen würden sie doch nie „Spezialisten“ im Sinne der Einseitigkeit.

Als junger Archäologe promovierte Kümmel mit einer Arbeit über ägyptische Kunst. Zusammen mit Paul Wegener hatte er indessen auch die Vorlesungen Professor Grosses in Freiburg über die Kunst Ostasiens gehört. Sein weiterer Ausbildungsweg führte ihn als wissenschaftlichen Hilfsarbeiter am Museum für Kunst und Gewerbe nach Hamburg. Justus Brinckmann, der als erster Museumsdirektor in Deutschland eine eigene ostasiatische Abteilung an seinem Museum begründet hatte, gab ihm Gelegenheit, sich besonders mit der japanischen Kunst zu beschäftigen. Daneben aber machte sich Kümmel hier mit allen Zweigen des Kunsthandwerks vertraut. Als Wilhelm v. Bode, der damalige Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin, auch dort eine Ostasiatische Abteilung errichtete, erhielt“ Kümmel zusammen mit Grosse den Auftrag, diese Sammlung aufzubauen. Eine erste Reise nach Japan, der später noch weitere folgen sollten, brachte bereits reiche Ausbeute. In zäher systematischer Arbeit gelang es ihm, bis zur Eröffnung dieser Abteilung im Jahre 1921 eine Sammlung anzulegen, die Weltgeltung beanspruchen konnte. Der erste Weltkrieg unterbrach die Arbeit zwar, aber danach ging Kümmel mit ganzer Kraft an die endgültige Aufstellung und den weiteren Ausbau der ostasiatischen Kunstabteilung. 1929 wurde ihm auch die Zusammenstellung der großen Ausstellung chinesischer Kunst übertragen, die die Preußische Akademie der Künste damals veranstaltete. Neben der großen organisatorischen Arbeit, die damit verbunden war, verfaßte Kümmel den wissenschaftlichen Katalog, der auch heute noch zu den Standardwerken über chinesische Kunst gehört.

Der ihm 1934 übertragene Posten des Generaldirektors der Staatlichen Museen belastete ihn nicht nur mit einer umfangreichen Verwaltungstätigkeit, sondern stellte gerade in dieser Zeit große Anforderungen an den Menschen Kümmel. Ihm ist es zu verdanken, wenn die verschiedenen Abteilungen der Staatlichen Museen wissenschaftliche Forschungsstätten blieben. Im zweiten Weltkrieg gingen erhebliche Teile der Sammlung verloren. Die vortreffliche Bibliothek, die auch seine eigene Bücherei enthielt, wurde ein Raub der Flammen. Eine Ausstellung der geretteten Bilder in Schloß Celle, zu der er einen vorbildlichen Katalog verfaßte, zeigte noch einmal den immer noch großartigen Torso seiner Samlmung.

Kümmels literarisches Werk ist umfangreicher, als die wenigen Buchtitel vermuten lassen. Auch in ihm erweist er sich als Mann von weitem Horizont, dessen Gedanken nicht, von den engen Wänden eines Spezialwissens begrenzt wurden. Klarer, eleganter Stil, präzise Ausdrucksweise und wissenschaftliche Genauigkeit machen obendrein seine Arbeiten zu Musterbeispielen kunstwissenschaftlicher Literatur. P. W. M.