Von Claus Jacobi

Im Haus Grunenberg werden Koffer gepackt. Eine Frau zieht aus, die dort hoch unterm Dach zusammen mit ihren drei Kindern jahrelang in einem einzigen Zimmer als Flüchtling hauste. Zurück bleibt ihr Werk: der „Gemeinnützige Verein Kleiderhilfe“. Das ist weiß Gott ein simpler Titel in einer Zeit, da jeder Kegelklub sich europäisch nennt und jeder Entnazifizierte sich als „Entrechteter“ fühlt. Doch was dahinter steckt...

Claus Bonhoeffer wurde 1945 von Hitlers Gestapo erschossen; wenige Monate später wurde der Name seiner Frau zusammen mit 7000 anderen Namen der deutschen Widerstandsbewegung von den Kanzeln christlicher Kirchen in Europa und Amerika verlesen. So kam es, daß Emmi Bonhoeffer im Hause Grunenberg – zwischen Haffkrug an der Ostsee und dem Pönitzer See am Rande der Holsteinischen Schweiz gelegen – 1946 die ersten privaten Liebesgabenpakete erhielt. Es waren alte Kleider, Wäsche, Mäntel, Schuhe...

Und Emmi Bonhoeffer verteilte. In den elf Dörfern der Umgebung lebten 11 000 Menschen; 6000 von ihnen waren Flüchtlinge aus dem Osten. Nächtelang schrieb Frau Bonhoeffer im Haus Gronenberg Dankesbriefe, denn nur wenige der Beschenkten konnten Englisch. „So willkommen uns die materielle Hilfe damals war“, sagt sie heute, „fast noch stärker beeindruckte mich die menschliche Güte, die dazu gehört, so ein Paket zu packen, es auf die Post zu tragen, teures Porto zu zahlen und vor den Schaltern in der Schlange zu stehen. Habe ich jemals an fremde Menschen in China oder Arabien, in Italien oder Spanien, von deren Elend ich hörte, ein Paket geschickt? Niemals...“

Anfangs gab Emmi Bonhoeffer die Schuhe, Mäntel und Wäsche einfach weiter. Und bald mußte sie eihe bittere Erfahrung machen. Die Empfänger gewöhnten sich an diese Form der Liebesgaben. Sie fingen an, die Verteilung als eine Art Schalterdienst aufzufassen. „Wann bekommen Sie dies wieder herein – wann bekommen Sie das wieder herein?“ fragten sie wie in einem Geschäft, als ob die Spender schuldige Lieferanten seien.

Doch eines Tages kam die Wende... Als die Frau im kahlen Zimmer, von dessen Fenstern man die Ostsee und die schleswig-holsteinische Seenplatte sehen kann, an diesem Punkt ihrer Erzählung anlangt, unterbricht sie das Packen ihrer Koffer. Mit dem Handrücken streicht sie eine in die Stirn gefallene Haarsträhne zurück. „Ja“, sagt sie, „da passierte folgendes: Eine Frau kam, um nach einem Wintermantel zu fragen. Ich packte gerade eine neue Sendung aus. Es war ein Mantel dabei. Es war ein herrlicher Mantel, und man wird mir verzeihen, daß ich ein wenig zögerte. ‚Wenn Sie mir diesen Mantel geben, ich würde für Sie arbeiten, was Sie wollen! rief die Frau. Ich sagte: ‚Das ist schön von Ihnen. Wollen Sie Wäsche waschen? – ‚Gern!‘ – ‚Wie oft?‘ – ‚Sooft Sie wollen!‘ – ‚Gut, machen wir einen ehrlichen Handel. Der Mantel ist erstklassig, Pelzkragen und Manschetten, Seidenfutter, kein Mottenloch. Sagen wir, er hat einen Wert von 50 Mark, das hieße: zehnmal große Wäsche waschen.‘ – ‚Ja, auch zwölfmal, jeden Monat einmal. Wann soll ich kommen?’ – ‚Da müssen Sie Frau R. fragen.‘ – ‚Wieso Frau R.?‘ – ‚Weil ich an deren Wäsche dachte! Sie ist unterernährt, hat drei kleine Kinder und kann sich keine Hilfe leisten.’ – ‚Ach so, na schön, auch gut.‘ Sie bekam den Mantel sofort. Ich zweifelte keinen Moment an ihr. Ich sah den leeren Karton und dachte: Wenn das Schule machte...“

Es machte Schule. Zuerst begriffen die Leute schwer. „Wie, ich bekomme hier ein Kleid und soll anderswo arbeiten?“ Aber dann gewöhnten sie sich daran. Männer hackten Holz für Witwen und Waisen. Kinderwagen wurden repariert, Keller trockengelegt, Regenrinnen gelötet. Hunderte kleiner Notstandsarbeiten, für die diese Ärmsten der Armen keine Mark ausgeben konnten.