Paris, Mitte Februar

Ein Trommelwirbel unterbricht die Abgeordneten und Journalisten, die im „Saal der verlorenen Schritte“, dem Vorraum zum Sitzungssaal der Nationalversammlung, die neuesten Prognosen über die vermutliche Mehrheit der Regierung Edgar Faure austauschen. Eine Abteilung Republikanische Garde in bunten Röcken und altmodischen Tschakos zieht auf und bildet Spalier. Das Stimmengewirr verstummt, achtungsvoll treten die Politiker zurück oder erheben sich von den lederbezogenen Bänken in den hohen Fensternischen. Die Garde präsentiert mit aufgepflanztem Bajonett, durch das Spalier humpelt, schwer auf den Krückstock gestützt, der neunundsiebzigjährige Präsident der Nationalversammlung, Edouard Herriot, trotz der Gebrechlichkeit des Alters ein Bild hoher Würde.

Er hatte sich in einer Klinik in Lyon, seiner Heimatstadt, die er seit Jahrzehnten als Bürgermeister verwaltet, einer ärztlichen Behandlung unterziehen müssen, und die Regierung bangte, ob der Meister des Parlamentarismus in der Lage sein werde, die Debatte über die Europaarmee zu leiten, „die wichtigste, quälendste und vielleicht schmerzlichste Debatte im französischen Parlament seit nun bald fünfzehn Jahren“. So hat der frühere Kriegsminister Jules Moch die Stimmung, in der die Abgeordneten zusammentraten, beschrieben, mit Anspielung auf die demütigende Kammersitzung über das Münchener Abkommen, in der sich alle Parteien spalteten und schließlich doch vor der wachsenden Macht des Dritten Reiches resignierten. Historische Parallelen, von denen sich die wenigsten Abgeordneten befreien können, selbst wenn sie fühlen, daß sie auf die Gegenwart nicht passen.

Herriot ist auf seinem mühsamen Wege am Eingang des Sitzungssaales angekommen. Hier endet die Macht der Exekutive, deren höchstes Instrument die Armee ist. Der Offizier, der die Garde führt, präsentiert dem Säbel vor dem Souverän der Volksvertretung. Herriot dankt mit ziviler Verbeugung und betritt sein Reich, in das ihm kein Soldat und kein Polizist folgen darf. Der Offizier wendet sich und kommandiert der Garde: „Kehrt!“ Er allein trägt eine moderne Kakhi-Uniform. Seine Brust ist geschmückt mit den Orden zweier Kriege gegen Deutschland. Eine schreckliche Gesichtsverwundung gibt ihm den Ausdruck einer starren Maske.

Die Zeremonie, mit der jede Beratung der Volksvertretung beginnt, hat den Abgeordneten noch einmal das Opfer vor Augen geführt, das sie Europa bringen sollen: die glorreiche Armee mit ihrer acht Jahrhunderte alten Tradition, die in der Europaarmee aufgehen soll. Viele werden in der Debatte von diesem Opfer sprechen, niemand aber von dem Lohn, dem Ende der deutschfranzösischen Zerfleischung, deren rühmliche und beschämende Spuren der Offizier der Garde zur Schau trägt.

Die steil aufsteigenden Bankreihen des Amphitheaters sind spärlich besetzt. Der Widerwille gegen das Unvermeidliche hält viele fern. Eine Stimmung lähmender Resignation liegt über dem Hause. Rede und Gegenrede wechseln ohne Spannung, als ob sie nichts am Ergebnis ändern könnten. Während der Sitzungspausen geht die Diskussion in leise gestikulierenden Gruppen weiter. Immer wieder sieht man Achselzucken und versteht den Ausruf: „A quoi bon?“ Die Ratlosigkeit ist groß, und die meisten haben das Gefühl, was sie auch immer tun, es ist falsch. Am liebsten würden sie sich aus der primitiven Alternative der heutigen Weltpolitik hinter die Maginot-Linie eines neutralisierten Deutschlands zurückziehen, um ein friedliches französisches Leben zu führen. So wird das überwache Bewußtsein der Ohnmacht und Wehrlosigkeit zu dem Motiv für Stagnation und starres Beharren beim alten, zur Angst vor jeder Veränderung, die nur Schlimmeres bringen kann. Kein einziger realistischer Gegenvorschlag gegen die Europaarmee ist in der achtundzwanzigstündigen Debatte gemacht worden.

Eine zu reiche und zu verbindliche Tradition lastet auf Frankreich, als daß es sich von überlieferten Vorurteilen und Ressentiments frei machen könnte. Zu dieser Tradition gehört die Gefahr des deutschen Militarismus. Andererseits hat es seit 1854 keinen Krieg gegen Rußland mehr gegeben. Die Panik, die der Angriff in Korea im Juni 1950 hervorrief, ist längst vergessen, und kaum ein Franzose glaubt mehr an eine sowjetische Invasion Westeuropas. Wozu also die Europaarmee, die nur als eine schlechte Tarnung der deutschen Aufrüstung empfunden wird! Freilich hat kein Redner die Logik so weit getrieben, hinzuzufügen, wozu Atlantikpakt und wozu die kostspielige eigene Aufrüstung, wenn es keine sowjetische Gefahr gibt. Statt im Rahmen des Ost-West-Konfliktes und des unerläßlichen Ausgleichs der Kräfte auf dem Kontinent stand die Debatte über die Europaarmee fast ausschließlich im Schatten der alten deutsch-französischen Rivalität und war damit der traditionellen nationalen Gereiztheit der Franzosen ausgeliefert. Das waren die dramatischen Höhepunkte, bei denen sich das Haus füllte, alle Parteien in sich und untereinander einig waren in der Furcht vor Deutschland und der Feindseligkeit gegen den Nachbarn im Osten. Es waren die gefährlichen Augenblicke für die Regierung, für Frankreich und für Europa.