Als Getulio Vargas am 31. Januar 1951 das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Brasilien antrat, hoffte der „kleine Mann“ in Ries Straßen, daß nunmehr eine Wandlung zum Besseren eintreten würde. Jetzt, nach Ablauf des ersten Jahres, ist ersichtlich, daß viele dieser Hoffnungen sich bisher nicht erfüllt haben. So verlief denn auch der Tag der einjährigen Wiederkehr des Regierungsantritts ohne die sonst üblichen Feiern und Paraden. Die regierungsfreundliche Zeitung „O Globos“ überschrieb ihren Leitartikel „Zwischen Hoffnung und Enttäuschung“ und die Oppositionspresse betonte, daß sich das erste Jahr der Vargas-Regierung durch eine „erpresserische Preiserhöhung“ ausgezeichnet habe.

Tatsächlich herrscht in Brasilien eine Inflation, deren Kontrolle der Regierung zu entgleiten droht. Präsident Vargas hat in seiner Neujahrsbotschaft an das brasilianische Volk von einem „verbrecherischen Komplott“ des ausländischen Kapitals gesprochen, das sich in Brasilien „ungesetzlich und skandalös“ vermehrt habe und die brasilianische Wirtschaft auszubluten drohe. Die Schuld für diese Entwicklung gab er seinem Vorgänger. Der Neujahrsbotschaft folgte drei Tage später ein Dekret, das den Gewinn, den ein ausländischer Geldgeber aus Brasilien transferieren kann, drastisch beschneidet. Hierdurch wird in erster Linie die amerikanische Industrie getroffen, deren in Brasilien investiertes Kapital auf 300 Millionen Dollar geschätzt wird. Inzwischen wurde ein weiteres Gesetz gegen „Verbrechen an der Wirtschaft des Volkes“ erlassen, das am 24. Februar in Kraft getreten ist. Danach dürfen Devisen nur noch zum offiziellen Kurs umgewechselt werden. Dem amerikanischen Touristen, der für seinen Dollar in den Wechselstuben Rio de Janeiros bisher 30 bis 32 Cruceiros erhielt, werden in Zukunft nur noch 18,28 Cruceiros gezahlt werden.

Die Regierung selbst braucht dringend Dollars für den Einkauf von Weizen, der so knapp geworden ist, daß Mitte Februar ein Back verbot für Weizen erlassen werden mußte. Es darf nur noch ein Mischbrot gebacken werden. Brasiliens Hauptlieferant für Weizen war bisher Argentinien, das seine Lieferungen aber einstellen mußte, da das Land infolge der Dürre vor einer Mißernte steht.

Auch in Brasilien herrscht in einigen Teilen des Landes Dürre, insbesondere im Nordosten im Staate Ceara. Hier hat die seit zwei Jahren herrschende Trockenheit zu einem Massenauszug der hungernden Bevölkerung nach dem Süden des Landes geführt. Täglich treffen allein in dem Staat São Paulo nach Angabe der dortigen Behörden etwa 1100 Flüchtlinge ein. Ähnlich verhält es sich in dem Staat Minas Gerais und in dem Gebiet von Rio de Janeiro. Die Unterbringung, Verpflegung und Arbeitsbeschaffung für die Flüchtlinge stellt die einzelnen Staaten vor nahezu unlösbare Probleme. Eine große Sorge der Behörden ist die Ansteckungsgefahr, nicht nur auf sanitärem, sondern auch auf politischem Gebiet.

Die kommunistische Partei, die zwar offiziell verboten ist, arbeitet untergrund, wobei sie sich die in der Bevölkerung weit verbreitete Zustimmung zu dem Weltfriedens-Gedanken – in Brasilien wurden 4 Millionen Unterschriften für das Stockholmer Friedensmanifest gesammelt – zunutze macht.

Trotz des Verbotes der KP und trotz des im Oktober 1947 erfolgten Abbruchs der diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion hat die brasilianische Regierung zu erkennen gegeben, daß sie eine Wiederaufnahme dieser Beziehungen prüft. Ein erster Schritt hierzu ist die Entsendung von zwei Vertretern der brasilianischen Wirtschaft zu dem am 10. April in Moskau beginnenden Weltwirtschaftskongreß. Der Leiter der Wirtschaftsabteilung im brasilianischen Außenministerium, Señor Joao Alberto, erklärte hierzu in einem Bericht an die Presse, daß die beiden Verteter „sensationelle Neuigkeiten mitbringen können, die für die Orientierung des brasilianischen Außenhandels nützlich sind ... Ich habe in meiner Abteilung die Verantwortung für die Ausdehnung des brasilianischen Handels. Ich werde keine Gelegenheit versäumen, brasilianische Waren, die für uns nicht kriegswichtig sind, an jeden zu verkaufen, wer es auch immer sein mag“. Niemand zweifelt daran, daß Señor Alberto die Erklärung mit Wissen und Einverständnis des Präsidenten abgab, der vielleicht auf diese Weise den Wirtschaftsexperten aus den USA, die seit Monaten die Kreditwürdigkeit der brasilianischen Regierung für eine 75-Millionen-Dollar-Anleihe der „Internationalen Bank für Wiederaufbau“ prüfen, zu verstehen geben wollte, daß sich die brasilianische Wirtschaft auch nach anderen Richlangen hin orientieren könnte. Und prompt sprachen sich die USA-Experten denn auch zwei Tage später für die Gewährung des Kredites aus.

Ernst Krüger