Am 1. März wird Helgoland frei. Zun ersten Male nach dem Kriege können Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren und mit dem Wiederaufbau beginnen.

Es sind freilich nur zweitausend Menschen aus einer Vertriebenenschar von zwölf Millionen, und im Verhältnis zu den ungeheuren Landverlusten, die Deutschland erlitten hat, ist Helgoland nur ein winziges Fleckchen Erde. Aber wird das Menschenrecht inmitten eines allgemeinen Verfalls sittlicher und rechtlicher Werte auch nur an einer einzigen Stelle wieder anerkannt, dann muß dies sich weithin auswirken!

So sagten wir schon, als wir in den Weihnachtstagen 1950 mit der „friedlichen Besetzung“ begannen und den britischen Bomben Gandhis Prinzip der gewaltlosen Gewalt entgegensetzten. Wir wünschten damals, daß durch die Beseitigung des Unrechts, das sich seit der Austreibung der Bevölkerung am 12. Mai 1945 vollzog, die britisch-deutschen Beziehungen verbessert und ein moralischer und politischer Beitrag zur Verteidigung Europas geleistet werden sollte. Es ging um den Beweis, daß in der westlichen Weit kein Problem zu schwer sei, als daß es nicht durch einen Appell an das Gewissen der Völker und durch Verhandlungen gelöst werden könnte. Damit sollte auch den Ostvertriebenen ein neuer Glauben gegeben werden. Wir haben daher von Anfang, an betont, daß niemand, der die Oder-Neiße-Linie und die Massenvertreibungen aus dem Osten anerkenne, ein Recht habe, über Helgoland zu sprechen. Der Plagiatsversuch, den die Kommunisten später unternahmen, nachdem die Freigabe Helgolands bereits feststand, ist dann in der Öffentlichkeit auch ohne jede Wirkung geblieben.

Der Erfolg der Aktion Helgoland hat noch etwas anderes bewiesen, etwas sehr wichtiges sogar, angesichts der großen Lähmung unseres politischen Lebens und jenes weitverbreiteten Gefühls, daß wir Deutsche nur noch Objekt der Weltgeschichte seien: nämlich, daß persönliche Initiative auch heute noch Ergebnisse zeitigen kann. Die beiden Studenten, Georg von Hatzfeld und sein Kommilitone, der Theologe René Leudesdorff, die als erste auf der Insel landeten und dann in der „Zeit“ den ersten Bericht über unsere Absichten und Erlebnisse veröffentlichten, haben durch ihre Tat der Jugend Deutschlands ein Beispiel gegeben, das nicht vergessen werden wird. Nicht vergessen? Hatzfeld hat nicht das Geld, sein Studium fortzusetzen, so daß er auszuwandern gedenkt. Ein dritter ist zu nennen, auch er ein junger Student, der Amerikaner John W. Larson. Als er nach unserer Rückkehr von Helgoland erklärte, daß es der traditionelle Glaube seines Landes an die Ideale des Rechts und der Menschenwürde sei, der ihn veranlasse, sich mit seinen deutschen Freunden und Kameraden zu identifizieren, wurde vor den Augen der ausländischen Beobachter die „friedliche Besetzung“ und das ganze Problem, aus der rein deutschen Sphäre herausgehoben und als ein internationales Problem erkannt. Berichte aus England selbst, aus Italien, den skandinavischen Ländern, aus Frankreich, aus Nord- und Südamerika, ja aus Indien und Australien, haben gezeigt, daß „Helgoland“ zu einem neuen Begriff im politischen Lexikon geworden ist. So sprechen etwa die Italiener heute von Triest als ihrem „Helgoland“, wo-sich das Recht wieder verwirklichen müsse.

Aus solchem Geiste haben sich dann die Verhandlungen entwickelt, die zu einem schnellen Ergebnis führen sollten. Am 14. Februar nahm der Deutsche Bundestag einmütig die Helgoland-Resolution an, in der die Bundesregierung aufgefordert wurde, nunmehr ihrerseits das Nötige für die Freigabe der Insel zu tun. Fünf Tage später, als einige Heißsporne, denen der Gang der Ereignisse zu schleppend war; eine neue Invasion durchführen wollten, durfte ich als Sprecher der „Aktion Helgoland“ dem Stellvertretenden Britischen Landeskommissar von Schleswig-Holstein, Brigadier-General Hume, einem wahrhaft europäisch gesinnten Manne, noch einmal die Bedeutung des Helgoland-Problems vortragen. Heute weiß man, daß sich die Britische Regierung auf Grund seines Berichtes innerhalb von 24 Stunden entschloß, die Insel freizugeben. Der Vertrag, der hierfür als äußerstes Datum den 1. März 1952 festlegte, ist dann in Bonn am 26. Februar 1951 vom Bundeskanzler und vom Britischen Hohen Kommissar, Sir Ivone Kirkpatrick, unterzeichnet worden.

Nur ein winziges Fleckchen Erde. Aber ein Sinnbild für etwas weit Größeres. Helgoland hat das Leid einer ganzen Nation getragen. Was hier geschah, das hatte der Morgenthauplan weitesten Gebieten Deutschlands zugedacht. Daher ist es nur recht und billig, daß sich der Wiederaufbau aus einer Volksspende vollziehen soll. Müßte man daher nicht noch ein letztes hinzufügen? Die Bundesregierung plant eine Helgoland-Feier. Das wäre die beste Gelegenheit für den Bundespräsidenten, um dem deutschen Volke das Lied zurückzugeben, daß Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland, schrieb und Friedrich Ebert zur Nationalhymne erhob. Die Worte von ,,Einigkeit und Recht und Freiheit“ würden einen Klang erhalten, der über den engeren deutschen Rahmen weit hinausreicht.