Erkenne dich selbst, erkenne den Feind – dann sind hundert Schlachten gleich hundert Siegen.“ Wer dieses chinesische Sprichwort zitiert, um sich als Biograph eines kommunistischen Staatsmannes vor dem Westen zu rechtfertigen, der – so sollte man meinen – müßte seinen Helden auch ständig aus der Distanz eines Gegners betrachten. Nun, der Amerikaner Robert Payne beruft sich auf jenes Wort, doch lassen die 385 Seiten seines Buches „Mao Tse-tung – Eine Biographie“ (Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg) kaum einen Zweifel, daß seine Sympathien dem „Rettenden Roten Stern“ Chinas gehören.

„Stimmen die Namen nicht, so kommen die Werke nicht zustande.“ Wenn man dieses Leitwort chinesischer Wissenschaft auf die Namenschreibung in diesem Buch anwenden darf, dann scheint es ziemlich mißlungen: gar manchen Personen ergeht es wie dem T’ai-p’ing-Führer Hung Hsiu-ch’üan, der sich hier Hung Hsü-ch’uan nennen lassen muß, und ein bösartiger Drache hat die chinesischen Wörter heillos oft entstellt, und die Übersetzerin zu beharrlicher Inkonsequenz der Transkription verführt. Wichtiger indes ist, daß-einige Namen endlich in ihrer sachlichen Bedeutung zurechtgerückt werden. Payne sieht zutreffend in den als T’ai-p’ing-Revolutionären bekannten Bauernführern und Sozialreformern von 1850 „die Vorläufer“ Maos; die utopischen Sozialisten wirkten auf den Pekinger Kommunismus viel stärker als Marx, Lenin oder Stalin.

„Mit fünfzehn Jahren warf ich mich aufs Lernen, mit dreißig stand ich fest, mit vierzig zweifelte ich nicht mehr.“ Dieses Selbstzeugnis des K’ung Fu-tse gilt auch für Mao Tse-tung, der als Knabe die klassischen Schriften verschlang und es zur Meisterschaft im Stil des Sung-Essayisten Han Yü brachte, gleichzeitig aber der Revolution und dem Sozialismus verfiel, der als Jüngling die Kommunistische Partei in seiner Heimatprovinz Hu-nan durchsetzte, und der als Mann, unbeirrt durch die Strapazen des 6000 Meilen „Langen Marsch“, seine Ideen und Anhänger nach Norden rettete. Doch Payne vergleicht die Bedeutung seines Helden mit Luther und zieht sogar Antäus heran! Ob Mao aber mit sechzig Jahren (1953) das Ohr offen haben wird wie K’ung Fu-tse, um das Volk zu hören, ob er mit siebzig den Wünschen seines Herzens folgen kann, ohne das Maß zu verletzen?

„Der General in seinem Zelt taucht seinen Pinsel in Eis“, schrieb der T’ang-Dichter Ts’ên Ts’an, und Payne greift diese Zeile auf, um Mao zu porträtieren: als Feldherrn, Lyriker und Militärschriftsteller. Dem Biographen sind, wie er sagt, die siebzig „Gedichte von Wind und Sand“ und die Ausführungen zum Guerillakrieg wichtiger als Maos Taten oder politische Reden.

„Naht der Feind, so weichen wir; flieht der Feind, so stören wir; weicht der Feind, so folgen wir; ist er müde – schlagen wir!“ Mit der Taktik dieser von ihm selbst geprägten Devise die zur geheiligten Losung für den Guerilla- und den Bewegungskrieg der Roten Armee wurde – widerstand Mao Tse-tung 1931 bis 1933 den fünf Vernichtungsfeldzügen der Kuomin-tang. Mit ihr eroberte er zwei Jahrzehnte später China, operiert er heute in Korea. Es ist erstaunlich, wie sehr die von Payne in vielen Details geschilderte frühere Kriegführung Maos dem Hin und Her am 38. Breitengrad gleicht und wie wenig die US-Militärs davon zu wissen schein nen; denn hätte man sich sonst „tief hereinlocken“ (Mao) lassen, müßte man sich sonst nicht des Satzes aus den „Strategischen Problemen“ erinnern, ein kommunistischer Krieg von zehnjähriger Dauer sei für die KP nur ein Vorspiel? – Vielleicht hilft Paynes Buch, daß hundert Schlachten gleich fünfundsiebzig Siegen werden.

Eberhard P. Michalek