Von Walter Abendroth

Daß die sogenannte abstrakte Kunst ein Ausdruck unserer Zeit ist, ein Ausdrucksmittel unter anderen, ein Sympton unter anderen Symptonen, dies soll unbestritten bleiben. Doch dagegen tritt Walter Abendroth auf, daß die Theoretiker der Abstraktion einen Ausschließlichkeitsanspruch für die Geltung ihrer Ideologie erheben. Er stützt sich dabei auf Erfahrungen seines eigenen Kunstgebietes: der musikalischen Komposition.

Die schöpferischen Kräfte des menschlichen Geistes sind nicht konstant auf immer dieselben Ziele gerichtet. In unserer Zeit haben sie sich ganz augenfällig auf das Feld der Technik konzentriert. Das erweist sich auch am Situationsbild der Kunst, in dem das im eigentlichen Sinne, schöpferische Agens, das geistige Anliegen, zurücktritt hinter dem Suchen nach neuen technischen Möglichkeiten. Daher denn auch, hinter diesem Streben die Vorstellung des „Fortschritts“ als Antreiber steht; des Fortschritts genau in der technischen Auslegung gesteigerter Perfektion. In die logische Enge getrieben, streitet zwar mancher künstlerische Fortschrittsgläubige ab, den Begriff so anzuwenden. Aber, wenn er ehrlich ist, also im stillen sich selbst gegenüber, wird er mehr oder weniger davon durchdrungen sein, daß die Kunstmittel und -formen von heute höher zu bewerten seien gegenüber denen von früher, wie ein Auto von 1952 als Fortschritt gegenüber einem von 1900.

Diese Oberzeugung verrät sich, jeder Verleugnung zum Trotz, hauptsächlich in zwei Symptomen (wir halten uns dabei speziell an die Kunst der Musik).

Während die Romantik dadurch abgesunken ist, daß sie die Intuition einseitig überschätzte und das Handwerkliche (also die Technik) allzu leichtfertig nur eben in Kauf nahm, ist das Pendel nun in das andere Extrem ausgeschlagen: die Intuition wird (wiederum mehr oder weniger ehrlich) überhaupt bestritten, wird für ein romantisches Hirngespinst erklärt und alles Interesse auf die technischen Probleme gesammelt. Der „Klassiker“ und auch noch der Romantiker ging durch die Schule der Tradition. Im Verlaufe seiner Entwicklung fand er – meist durchaus unbewußt, jedenfalls weitgehend absichtslos – einen eigenen „Stil“, das heißt: eigene Ausdruckswerte, eigene Mittel und Wege. Das merkten dann die Hörer und konstatierten etwas „Neues“. Heute wird die traditionelle Schule bereits als überflüssiger Ballast diskriminiert und „das Neue“ von Anfang an und um jeden Preis bewußt gewollt. Und es wird mit reinen Verstandeskräften im permanenten Experiment gesucht. (Ehedem war „gesucht“ ein vernichtendes Schimpfwort für eine Kunstleistung.)

Unbeschadet aller heutigen Abneigung gegen die Tradition: auch diese Verlagerung des Antriebs zum künstlerischen Schaffen von der Intuition auf den Willen hat schon ihre Tradition. Das große historische Beispiel im vorigen Jahrhundert ist Richard Wagner, dem sogar der Nachweis gelang, daß bisweilen selbst Intuition mit dem Willen herbeigezwungen werden kann. (Dies zu wollen – dafür war er schließlich noch echter Romantiker ...) An ihm erleben wir das Schauspiel, wie ein Mensch ohne jede überzeugende a-priorische talentare Anlage (seine sämtlichen Jugendarbeiten stehen unter dem Durchschnitt), aber mit immensem Geltungsdrang und eisernem Willen begabt, sich selbst allmählich zu immer gesteigerter, echter schöpferischer Leistung erzog. Keine offensichtliche, eindeutige Begabung wies ihm am Anfang die Richtung; aber er beschloß, ein großer Mann zu werden ... Und als solchen sah er sich auf der Weltbühne, als ihn zuerst das Theater, dann die Musik einfing. Seine ganze Biographie wurde eine Apotheose des Willens. Wo dieser Wille aussetzte – er war von Natur auf theatralische Selbstdarstellung gerichtet –, nämlich bei gelegentlichen Werken reiner Musik oder reiner Dichtung, blieb (im Alter wie in der Jügend) auch die Intuition aus, und das Resultat war untermittelmäßig.

Heute ist es so, daß man hundertfältig den „Komponistenberuf“ wählt wie jeden andern; nicht, daß man durch Berufung zu ihm erwählt wird. Was könnte auch „Berufung“ – von „Erwähltheit“ ganz zu schweigen – noch bedeuten, wenn Intuition ein Ammenmärchen und alle Kunst nichts als erlernbare Technik ist, nichts, aber auch gar nichts darüber hinaus? Man braucht nur energisch zu wollen, das Technische zu erlernen, und man „kann“. So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß einem im modernen „Großbetrieb Musikproduktion“ immer häufiger die physiognomischen Typen des herrschsüchtigen Schulmeisters oder des ehrgeizigen Kommis’ begegnen...