Annemarie Selinko: Désirée, (Roman, Verlag Kiepenheuer und Witsa, Köln-Berlin, 626 S., Leinen 19,80 DM.)

Eugenie Clary war die erste Braut Bonapartes, ihr Vater wohlbetuchter Marseiller Seidenhändler, und Robespierre regierte noch mit der Guillotine. Geheiratet hat Napoleon dann die charmante Josephine Beauharnais, die, wenn sie lächelte, wie die Mona Lisa lächeln mußte, weil sie schlechte Zähne hatte. Doch die Verlassene aus Marseille ging nicht leer aus. Es fand sich ein anderer General, der sie zur Frau nahm. Der war nicht minder ehrgeizig. Er hieß Jean – Baptiste Bernadette und kletterte bis auf den schwedischen Königsthron. Die kleine, stupsnasige Gary hatte sich nach ihrer Enttäuschung mit Napoleon auf ihren dritten Taufnamen besonnen und sich Désirée genannt. Da ihre Schwester Napoleons Bruder Joseph geheiratet hatte, blieb sie als Schwägerin dem kaiserlichen Gunstkreis nahe.

Es fiele schwer, sich die zwischen Enfantterrible-Komplexen und natürlicher Lebensklugheit schwankende Marseiller Bürgerstochter nicht so vorzustellen, wie sie Annemarie Selinko in Desirées fingiertem Tagebuch sich scheinbar unabsichtlich enthüllen läßt. Und nicht nur sich, sondern gleich auch die ganze grandiose Zeitgeschichte mit. Die Feder der königlichen Seidenhändlerstochter flitzt so ungeniert dahin, daß Humor, Ironie, Gefühlsüberschwang, Kritik, Mütterlichkeit, Vaterlandsliebe, daß all diese Regungen eines unverdorbenen Herzens ganz weiblich sich widerspiegeln.

Was die Autorin als Finesse handhabt, stellt sich dem Leser als köstliche, einmal ganz andere historische Vision dar, als Privatblick durch einen Vorhangspalt ins offizielle Rampenlicht. Mit diesem ihrem vierten Roman hat sich die Wienerin, die jetzt in Dänemark lebt, nach zehnjähriger Pause in den ausgewählten Kreis der Literatur emporgeschrieben. H. Schlüter