Die Feststellung, daß „eine gewisse Labilität auf dem Kartoffelmarkt in diesem Jahre“ zu verzeichnen sei, stellte Regierungsdir. Dr. Schardey vomBundesernährungsministerium seinem Referat voran, das er auf der Vortragsveranstaltung des Zentralverbandes des Deutschen Kartoffelhandels in Mainz hielt. Den Zweiflern an der Richtigkeit der amtlichen Ernteschätzung (24 Mill. t) gab er zu bedenkep, daß diese Ziffer auf dem Ergebnis der Versuchsrodungen auf rund 3000 Feldem (davon 500 voll gerodet) basiere. Verbands-Vorstandsmitglied Walter Strutz (Mainz) blieb ‚trotzdem dabei: die BEM-Ernteangabe sei „ein wenige“ hoch gegriffen“. Wenn der Sprecher des Ministeriums versicherte, daß eine klare Voraussage der Marktentwicklung „noch nicht möglich“, die Lage aber „nicht so angespannt“ sei, wie sie oft dargestellt werde; wenn er damit rechnet, daß die Futterfehlmenge durch Importe („möglichst Futtergetreide“) gedeckt und in diesem Falle ein ausreichendes Kartoffelquantum gewährleistet zu werden vermag; wenn er die geplante Einfuhr ausländischer Frühkartoffeln – Ausschreibungen voraussichtlich Mitte März – als weiteres Entlastungsmoment avisierte; wenn er „sparsamen Umgang mit den Vorräten“ lobend registrierte und auch für die Zukunft als Gebot nannte; wenn er resümierend, mit vorsichtigem Optimismus, vermutete, daß der „Anschluß an die neue Ernte gewonnen wird“, so ist das die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite skizzierte der Experte Strutz: innerhalb eines Jahres sei aus dem damaligen Überhang auf Grund eines Kartoffel-Ernterekords quasi ein Engpaß geworden. Noch werde „niemand behaupten können, daß der Anschluß an die neue Ernte gewonnen wird“. Bereits auf der Hamburger Tagung im Dezember 1951 sei angedeutet worden, daß man „mit jedem Zentner Kartoffeln rechnen“ müsse. Auch die beabsichtigten Kartoffelimporte brächten keine sonderliche Erleichterung. Mangels Masse. Mehr – um nicht zu sagen: alles – dagegen verspricht er sich von einer 30 Mill. t Jahresernte garantierenden Erweiterung der Anbaufläche. Über Einmischung amtlicher Stellen in den Handel hat sich der Verband – „abgesehen von der Regierungsverlautbarung über die Kartoffelpreise vom 9. Oktober 1951“ – nicht zu beklagen. Über falsche Vorstellungen in der breiten Öffentlichkeit hinsichtlich der Handelsspannen, dafür um so mehr: „Nicht der Handel ist an hohen Verbraucherpreisen interessiert, sondern nur das Finanzamt – wegen der höheren Umsatzsteuer“, erläuterte Strutz unter Beifall. Und unwidersprochen; denn diese Behörde war nicht vertreten ...

Nachdem Ministerialdirigent Hartmann (an Stelle des rheinland-pfälzischen Ressortministers Stübinger), durch eigenen Hinweis auf Zugehörigkeit zum früheren „Reichsnährstand“ hinreichend legitimiert, die „wichtige Rolle des Kartoffelhandels in der Volksgemeinschaft“ betont, die Versammelten über ihre Funktion als Mittler zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern aufgeklärt und eine bisher anscheinend noch offene Frage dahingehend beantwortet hatte, daß die Kartoffel neben dem Brot das wichtigste Nahrungsmittel sei, trat Staatssekretär a. D. Hansjoachim v. Rohr (Bad Godesberg) auf den Plan, und die Bühne ward zum Tribunal.

Er lieferte ein pointiertes Plädoyer für eine soziale Marktwirtschaft; für einen freien Preis, der allein das Marktgeschehen bestimmt; für die Abkehr von dem heute „in der Landwirtschaft vielfach noch obwaltenden Lenkungsdenken“. So, wie die Gewerkschaften mit ihrem Hang zum Dirigismus, kamen auch diejenigen schlecht weg, „die sich nicht vorstellen können, daß etwas klappt, wenn nicht ein Beamter die Finger dazwischen hat“. Denn: „Sicherer, billiger und vor allem korruptionsfreier“ als die Bürokratie gestalte der Preis die Dinge. Der Staat – nun, der Staat soll beileibe nicht zum „Nachtwächter“ gemacht werden, sich aber innerhalb seiner Grenzen halten und, wie ein guter Arzt beim menschlichen Körper, den natürlichen Kräften zur Entfaltung verhelfen.

Also: marktgerecht soll der Kartoffelpreis sein; sprich: mehr oder minder, hoch. Sonst bestünde wohl auch kein Anreiz, die nicht für den Futtertrog bestimmten Kartoffeln diesem fernzuhalten. Während das BEM Komplikationen befürchtet, weiß Herr v. Rohr den Ausweg, sämtlichen Vollverdienern den die jeweilige Lage spiegelnden Preis zuzumuten, die Bedürftigen jedoch durch Vergünstigungen (wohl Verbilligungsscheine) „abzuschirmen“. Eine Preisorientierung an den Selbstkosten lehnte Rohr mit der Begründung ab, daß ein knappes Gut teurer sein müsse als die Selbstkosten, weil sich die Produktion sonst nicht auf den Engpaß verlagere und damit den schnellsten Ausgleich schaffe.

Die kritische Situation in der Kartoffelwirtschaft im Winter letzten Jahres bezeichnete der Referent als eine „durch Lohn und Preis gesteuerte Gesundungserscheinung“. Stichwort: Fleischverbrauchzunahme. Reaktion der Landwirtschaft: Erhöhung der Schweineproduktion. Folge: Steigender Futterbedarf. „Vom Futter her werden wir vielleicht Schwierigkeiten bekommen vor der nächsten Ernte.“ Und: „Diese Krise ist nur durch verstärkten Hackfrucht-, vor allem Kartoffelanbau zu überwinden.“ Können wir all die Schweine füttern, die die Verbraucher auf Grund der günstigen Lohnentwicklung verlangen? Der Sprecher bejahte das. Wenn es gelinge, ein Drittel der Kartoffelanbaufläche, mit solchen Sorten zu bepflanzen, die 14 v. H. mehr Stärke hätten als die bisherigen, so würden davon allein 1 Million Schweine satt.

Ist die Fleischnachfrage allmählich gesättigt? Kaum! – „Die Masse, wird nicht ruhen, bis die Vorkriegskonsummenge erreicht ist.“ Diese liegt um etwa zehn Kilogramm über der jetzigen. Entfielen davon nur sechs Kilogramm auf Schweinefleisch, so bedeutete das nochmals drei Millionen hungrige Schweine zusätzlich., „Die Kartoffel-Produktion hat mithin erhebliche Zukunftschancen.“ Nichts dürfe geschehen, was der Entwicklung zu höchstmöglicher Eigenerzeugung hemmend im Wege stehe. Die Förderung des Imports ausländischer Futtermittel sei keine echte Lösung der Probleme. Wunsch: Einfuhren „nur vorsichtig“, preislich „nicht gefährdend“ für das Binnenniveau. Von Autarkie war nicht direkt die Rede. Das hätten wahrscheinlich auch die anwesenden ausländischen Fachkollegen (u. a. der Präsident der Union des Europäischen Kartoffelgroßhandels) übelgenommen, die der Präsident des veranstaltenden Verbandes, August Asche (Hannover), so freundlich begrüßt hatte. Die Lehre von Mainz: Man muß abwarten, wie lange die Käufer den Verkäufern von Kartoffeln noch nachzulaufen haben ... Helmut Benecke