Wenn am 28. Februar in London die Hauptkonferenz über die deutschen Auslandsschulden eröffnet wird, so kommt damit in wahrscheinlich mehrwöchigen Verhandlungen dieser ungemein schwierige und wichtige Komplex seiner endgültigen Regelung hoffentlich um einen Schritt näher. Das wichtigste Ziel der aus 30 Gläubigerländern und einem Schuldnerland bestehenden Konferenz wird es sein müssen, die Rückkehr zu normalen Gläubiger-Schuldner-Beziehungen zu erreichen und Deutschlands internationalen Kredit wiederherzustellen. Daß die Gläubiger die Grenzen von Deutschlands wirtschaftlichen Möglichkeiten berücksichtigen, bewiesen die Nachlässe, die die drei Hauptgläubiger der deutschen Nachkriegsschulden – die USA, England und Frankreich – Ende vergangenen Jahres auf diese Nachkriegsschulden anboten. Dadurch soll dieser Posten von 3,8 Mrd. $ auf 1,635 Mrd. (6,867 Mrd. DM) vermindert werden, vorausgesetzt, daß eine vernünftige Regelung der deutschen Vorkriegsverbindlichkeiten erreicht wird. Trotz dieser beträchtlichen Reduktion wird die deutsche Delegation versuchen müssen, den Block der Nachkriegsschulden im Wege der Verhandlungen noch weiter zu verkleinern, da diese nicht kommerziellen Schulden – überwiegend den besonderen Nachkriegsverhältnissen entstammend – die Regelung der Vorkriegsverpflichtungen erheblich belasten.

Letztere dürften im Vordergrund der Londoner Verhandlungen stehen. Ihre Höhe wird mit 1 Mrd. $ öffentlicher und 700 Mill. $ privater Schulden angegeben, wozu noch eine weitere Milliarde für rückständige Zinsen kommt, also zusammen 2,7 Mrd. $ oder 11,34 Mrd. DM. Zuzüglich der 6,867 Mrd. DM Nachkriegsschulden – ohne Zinsen – würde demnach eine Summe von 18,2 Mrd. DM entstehen. Da die im ersten und zweiten Weltkrieg entstandenen deutschen Schulden zunächst nicht zur Debatte stehen werden, was noch nicht bedeutet, daß sie endgültig gestrichen sind, dürfte diese Summe in etwa die Grundlage der Londoner Konferenz darstellen. Allerdings ist in ihr die Wirkung der Goldklausel mit enthalten, die seinerzeit in die Anleihen eingebaut war. Gelänge es, die Goldklausel zu Fall zu bringen (1 Golddollar = 7,11 DM, 1 $ zum Tageskurs = 4,20 DM), so würde sich die deutsche Vorkriegsschuld um etwa 2,52 Mrd. DM vermindern, wovon auf die Young-Anleihe von 1930 allein 1,417 Mrd. DM entfallen. Ob auf die Goldklausel im Laufe der Verhandlungen von Seiten der Gläubiger ganz oder teilweise verzichtet werden wird, ist schwer zu übersehen,, da die einzelnen Länder je nach dem unterschiedlichen Absinken ihrer Währungen verschieden hohe Nachlässe geben müßten.

Die Konferenz wird eine Reihe weiterer schwieriger Fragen zu klären haben: da ist z. B. die Spaltung Deutschlands, aus der sich die Frage ergibt, ob und in welchem Umfange Schuldner zu leisten haben, die einen großen Prozentsatz ihrer Vermögen und ihren Sitz in Ost- oder Mitteldeutschland verloren haben. Voraussichtlich wird ein internationales Schiedsgericht hierfür gebildet werden. Ferner wird zu prüfen sein, wer die Schulden Preußens übernehmen soll: der Bund oder die früheren preußischen Provinzen, die jetzt Länder sind (Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz) oder beide? Außerdem wie der Trennung Preußens in zwei Teile Rechnung getragen werden soll. Die Gläubiger schlagen eine Gesamthaftung des Bundes mit innerdeutscher Regelung vor. Ferner wird auf der Konferenz die Frage der österreichischen Schulden behandelt werden sowie das Problem der Verrechnungskasse und das der Konversionskasse. Die Einrichtung der letzteren hatte dem deutschen Kredit besonders geschadet. Weiterhin wird versucht werden müssen, die Stillhaltekredite zu rekommerzialisieren, da es sich hier um kurzfristige Vorkriegsverschuldungen an ausländische Banken handelt, die abgetragen werden müssen als Hauptvoraussetzung dafür, wieder ausländische Kredite, vor allem Rembourskredite zu erhalten.

Neben diesen und zahlreichen weiteren Einzelfragen dürfte jedoch der Transfer zu leistender deutscher Zahlungen das meiste Kopfzerbrechen verursachen. Das Debakel der deutschen Reparationsleistungen nach dem ersten Weltkrieg hat gezeigt, daß hier das Kernproblem der Konferenz überhaupt liegt, ein Problem, daß trotz umfangreicher Diskussionen im In- und Ausland noch nicht genügend erfaßt ist. Die Transfersumme darf nicht zu hoch festgelegt werden, um zu vermeiden, daß Deutschland neuerlich in Zahlungsverzug gerät; unsere Devisenlage wird hier jetzt und in Zukunft eine natürliche Grenze setzen. Der letzte Monatsbericht der Bank deutscher Länder hat eindringlich auf unseren Devisenmangel und damit auf die Transferschwierigkeiten hingewiesen. Zudem ist ja wichtig, daß unsere Währungsreserven nicht vollständig erschöpft werden. Denn wann sollte sonst das europäische Ziel der Konvertierbarkeit der Valuten jemals erreicht werden? Es wird weitgehend von der Einsicht der Hauptgläubiger abhängen, ob sie durch die Bereitschaft, vermehrte deutsche Exporte aufzunehmen, helfen wollen, unsere schwierige Lage zu erleichtern. Vielleicht wären in den ersten Jahren keine oder nur geringe Zahlungen vorzuschlagen, die sich später je nach unserer Leistungsfähigkeit steigern.

Deutschland würde es sehr begrüßen, wenn es durch eine vernünftige Haltung seiner Gläubiger in die Lage versetzt werden würde, seinen künftigen Zahlungsverpflichtungen aus eigener Kraft nachzukommen, wobei an unserem guten Willen nicht zu zweifeln ist. Das würde gut möglich sein, wenn Deutschland gegenüber einigen Ländern zur Begleichung seiner Verpflichtungen die deutschen Auslandsvermögen heranziehen könnte. Denn im Grunde ist das Verbot, die deutschen Vermögen auf dieser Konferenz auch nur zu erwähnen, doch eine Utopie. Die Vermögen werden im Geiste jedes Konferenzteilnehmers gegenwärtig sein und dürften – genannt oder ungenannt – in den kommenden Wochen eine Hauptrolle spielen. Es wäre schön, wenn sich die Gläubiger nach englischem Vorbild dazu entschließen könnten, die deutschen Vermögen zum Ausgleich der Verpflichtungen unseres Landes zuzulassen. Denn schließlich liegt es doch auch in ihrem Interesse, daß Deutschland wieder zahlungs- und kreditfähig wird, ein Zustand, der durch Heranziehung der Vermögen zum Schuldenausgleich am ehesten erreicht wird. Zudem wäre diese seit Jahren von Deutschland erstrebte Lösung ein wichtiges psychologisches Hilfsmittel zu einem Zeitpunkt, wo die Wiederbewaffnung unseres Landes große zusätzliche Opfer von jedem verlangt. Dabei sei nur erwähnt, daß der deutsche Wehrbeitrag ein zusätzliches Fragezeichen auf der Londoner Konferenz darstellt, da er einerseits in seiner Höhe noch nicht einmal festliegt und zum anderen unsere Transfermöglichkeiten kaum verbessern dürfte.

Welche Bedeutung der Londoner Konferenz deutscherseits beigemessen wird, geht daraus hervor, daß der etwa 60köpfigen Delegation unter Leitung von Hermann J. Abs eine große Anzahl erster Fachkräfte angehören. So treten u. a. für die Industrieanleihen Dir. Schwede (Vereinigte Stahlwerke), Dir. Ridderbusch (RWE) und Dr. Boden (AEG) auf, für die Stillhalteschuldner Dr. Götz, Dr. Merton (Frankfurt), und Dr. R. Brinckmann (Hamburg). Die Warenschuldner, jene Unzahl mittlerer und kleinerer Schuldner, sind durch Dr. Leverkuehn (Hamburg) vertreten.

Es kann heute keine Prognose gestellt werden, wie diese Konferenz insgesamt und im einzelnen auslaufen wird, aber es verbleibt die Hoffnung darauf, daß die Menschen guten Willens den Ausschlag geben mögen. C. v. Sydow