Noch war die Erregung über den Fall des Marineingenieurs Anderson, den man wegen Spionage zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt hat, in Schweden nicht abgeklungen, da wurde am 15. Februar das ganze Land wiederum durch eine Spionage-Sensation alarmiert. Die schwedische Kriminalpolizei hatte den ehemaligen Redakteur der kommunistischen Zeitung Norrskensflammen in Lula, Fritjof Enbom, verhaftet, „weil er wichtige militärische Geheimnisse an eine fremde Macht verraten hat“.

Der Fall Enbom hat manche Ähnlichkeit mit dem Fall Anderson. Genau wie Anderson war auch Enbom aus der Kommunistischen Partei ausgetreten, bevor er seine Spionagetätigkeit in großem Stil aufnahm. Und genau wie Andersons war auch Enboms Auftraggeber der inzwischen nach Moskau zurückgerufene Leiter der TASS-Agentur in Stockholm, Anissimow, der als Mitglied der Stockholmer Sowjetbotschaft diplomatische Immunität besaß.

Seine erste Ausbildung erhielt Enbom bei der „Internationalen Roten Hilfe“, einer Zweigstelle der Komintern, deren schwedische Sektion 1930 ins Leben gerufen wurde. 1937 nahm er am spanischen Bürgerkrieg teil. Hier knüpfte er die erste Verbindung an zu dem damaligen Sabotageleiter der Komintern, Wollweber, der heute in zwei Schulen, in Greifswald und Klein Machnow bei Berlin, sowjetische Spione für Skandinavien schult. Nach 1946 wurde Enbom in Schweden mit größeren Spionageaufträgen bedacht. Die Technik seiner Arbeit ähnelt in verblüffender Weise der des Marineingenieurs Anderson. Ein komplizierter Zahlen-Code, an Stacheldrahtzäunen befestigte Haarnadeln, ein kleiner Geheimsender und andere Raffinessen dienten ihm zur Verständigung mit seinen Auftraggebern.

Wie groß der Schaden ist, den der Agent Enbom der schwedischen Verteidigung zugefügt hat, läßt sich heute noch nicht genau überblicken. Fest steht jedoch dies: Der größte Teil der Verteidigungsanlagen entlang der schwedischfinnischen Nordostgrenze ist Moskau bekannt. Die Sowjets besitzen eine genaue Skizze der Festung Boden, die an der Nordgrenze innerhalb des schwedischen Verteidigungssystems die Schlüsselstellung einnimmt. Dieser Plan kann nur mit Hilfe von einem der wenigen Garnisonoffiziere entstanden sein. Man erwartet daher noch weitere Enthüllungen und Verhaftungen. Der schwedische Generalstabschef General Swedlund ist bereits nach der Festung Boden gereist, um an Ort und Stelle eine Untersuchung durchzuführen. In den Büros der schwedischen Sicherheitspolizei brennt die ganze Nacht das Licht...

Enboms letzter Bericht an die sowjetische Botschaft ist vom April 1950 datiert. Und dieses Datum kennzeichnet auch den Beginn einer inneren Wandlung, die Enbom offensichtlich durchgemacht hat. Er hätte sich offenbar gern aus dem Netz befreit, das ihn umgab, aber er mußte erkennen, daß die Revolution ihre eigenen Kinder frißt und daß ein. Sowjetspion nur solange leben kann, wie er von Nutzen ist. Den letzten Schock erhielt der Agent, als er beauftragt wurde, an der Entführung eines finnischen Spionage-Kollegen in Kemi in Finnland teilzunehmen, der an der russischen Grenze der NKWD übergeben werden sollte. In angetrunkenem Zustand offenbarte sich der Agent seinem Freund, dem Studenten Jean Lodi. Der benachrichtigte die Polizei.

Anderson und Enbom sind verhaftet. Aber beide waren nur Glieder in einer Kette, deren Ende man nie zu fassen bekommen wird, weil es in der exterritorialen Sowjetbotschaft in Stockholm liegt. Ja, eine Zeitung war sogar unhöflich genug zu fragen, „womit sich eigentlich die Sowjetdiplomaten in Stockholm neben der Spionage noch beschäftigen?“ Engdahl Thygesen