Rom, Ende Februar.

Viele Kommunisten sind den Italienern nach der Befreiung von den Anglo-Amerikanern geschenkt worden, aber Signor Palmiro Togliatti, ehemals Mitglied der Komintern und heute Chef der Kommunistischen Partei Italiens, war ein Geschenk Wyschinskis. Als Vertreter Rußlands im alliierten Mittelmeer-Rat besuchte Wyschinski Anfang 1944 in Salerno die Regierung Badoglio, versprach ihr offizielle Anerkennung und bat als Gegenleistung, um die Genehmigung für Palmiro Togliatti, in sein Vaterland – wenn man in diesem Falle von Vaterland sprechen darf – zurückzukehren. Als dann am 27. März Togliatti in Neapel ankam, konnte Wyschinski lächeln und sagen, daß nun auch Rußland Italien besetzt habe.

Palmiro Togliatti ist eine zweideutige Persönlichkeit. Er ist ein verkehrter Humanist, der mit väterlicher Miene in honigsüßen Tönen die Eroberung der Macht mit Hilfe der Wahlurnen und zugleich die Revolution vorbereitet, wobei er mit viel Geschick die Rolle dessen spielt, der sich für Freiheit und Frieden aufopfert. Sein Possenspiel hat viel System. – Seine Laufbahn hat nichts Heroisches an sich und hat ihm obendrein niemals die Zeit gelassen, sich einer Arbeit irgendwelcher Art zu widmen.

Er wurde in Genua am 27. März 1893 von piemontesischen Eltern, äußerst braven Leuten, geboren. In der Schule war er immer der Erste, artig und eifrig. Später nahm er an Studentenstreiks teil und betätigte sich als Streikbrecher; aber die Kommilitionen verziehen ihm, weil er nicht verriet, wer die Professoren ausgepfiffen hatte. Als er in das Wehrfähige Alter kam, wurde er, genau wie Stalin, für dienstuntauglich befunden, worauf er sich dem politischen Kampf widmete und Journalist wurde. Nachdem es ihm im Verein mit anderen gelungen war, die sozialistische Partei zu spalten, gründete er die Kommunistische Partei. Zwischen 1923 und 1925 setzte ihn die Polizei mehrmals für kurze Zeit fest, so daß er 1925 beschloß, ins Ausland zu gehen, da der Faschismus offenbar keinen Spaß verstand.

Außerhalb der Grenzen seines Vaterlandes begann er sich verschiedene noms de guerre zuzulegen und nannte sich abwechselnd Ercoli, Mario, Correnti und Alfredo. Als Alfredo nahm er in der Etappe am spanischen Bürgerkrieg teil. Als hier die Situation kritisch wurde, floh er nach Algier und begab sich dann in ein sowjetisches Sanatorium. In Moskau, wo er während des Krieges als Rundfunksprecher tätig war, blieb er bis zuseiner Rückkehr im Jahre 1944; Heimgekehrt, wurde er Minister ohne Portefeuille im ersten Kabinett Badoglio. Im Kabinett Bonomi stieg er zum stellvertretenden Ministerpräsidenten auf, und in de Gasperis erster R’egierung wurde er Justizminister. Auf dem Ministersessel zeigte seine Exzellenz Palmiro Togliatti, der inzwischen von seinen kommunistischen Anhängern den Beinamen „der Beste“ erhielt, einen Dolch von Stahl in einem Handschuh von Samt: er scheute Kompromisse nicht und war bereit, sich im Quirinal vor Seiner Majestät zu verneigen, was ihn aber nicht hinderte, den Kopf des Königs zu fordern, sobald er wieder draußen auf dem Platz stand.

In der Kammer ist Togliatti ein Gaukler und Akrobat. Er billigt den Artikel 7 der Verfassung, der die Beziehungen zwischen Kirche und Staat regelt, aber er läßt inzwischen die Mauern Roms, mit Flugzetteln bekleben, die den Vatikan auf das Schnödeste angreifen, während zur gleichen Zeit die kommunistischen Zeitungen um die Wette gefälschte Dokumente abdrucken, um die Kirche zu kompromittieren. Er heult gegen die Faschisten, aber außerhalb des Parlaments läßt er die ehemaligen Parteigänger Mussolinis wissen, daß der Kommunismus in seinem Edelmut bereit sei, sie verzeihend in seine Reihen aufzunehmen.

Wenn aber jemand Togliatti Widersprüche nachweisen wollte, so bekäme er wahrscheinlich dieselbe Antwort, die Anna Pauker einem amerikanischen Journalisten gab: „Wenn wir Kommunisten auf ein Hindernis treffen, dann umgehen wir es und marschieren auf unserem Wege weiter vorwärts. Wenn man den Krieg gewinnen will, muß man manchmal Umwege machen.“ Anna und Palmiro kommen aus derselben Moskauer Schule, wo alle Texte auswendig gelernt werden müssen. Wenn die Diplomaten dieser zynischen Schule durch Fragen in Verlegenheit gebracht werden, dann erklären sie, daß es einen Widerspruch zwischen zwei Handlungen überhaupt nicht geben kann, weil ja jede Handlung auf einen Zweck bezogen ist, der die Mittel rechtfertigt. Italo Zingarelli