Ein Gruß an Jakob Regner zum siebzigsten Geburtstag

Der bedeutende katholische Denker Dr. Josef Pieper, Professor für Philosophie an der Universität Münster und Verfasser ausgezeichneter Bücher über aktuelle geistige Probleme, widmet hier dem verdienstvollen Verleger Jakob Hegner eine heitere Danksagung, deren Thema viele Autoren beziehungsvoll ansprechen wird.

Was alles zu einem guten Autor gehört, das haben Sie, lieber Jakob Hegner, in der Zeit zwischen meinem ersten und meinem zweiten Buch mir einmal auseinandergesetzt – eines Frühnachmittags in Leipzig, an dem rohgezimmerten Tisch einer höchst ungemütlichen, von Ihnen – im Pelzhändlerviertel gerade entdeckten griechischen Kneipe, auf deren handgeschriebener Weinkarte allerdings ungeahnte Dinge verzeichnet waren. Dieser Umstand ist übrigens wohl schuld daran, daß ich das einzelne Ihrer Instruktion fast. ganz vergessen habe. Immerhin weiß ich noch, wie sehr Sie darauf bestanden, ein guter Autor müsse vor allem lebendig sein, womit Sie aber keineswegs besondere Eigentümlichkeiten der sprachlichen Gestaltung meinten, sondern, zu meiner Überraschung, das schlichte Faktum, daß er, der Autor, am Leben sein müsse. In dieser Hinsicht gibt es offenbar recht verschiedene Ansichten. Gerade eben schreibt mir zum Beispiel mein englischer Übersetzer, er werde sich in Zukunft nur noch auf tote Autoren einlassen. Natürlich meinten Sie, da Sie Ihrerseits von einem guten Autor sprachen: „gut“ für den Verleger!

Diesen Spieß nun könnte man auch einmal umdrehen und fragen, was alles zu einem guten Verleger gehöre, und dabei meinen: „gut“ für den Autor! – Hier könnte mancherlei zur Sprache gebracht werden. Und ich sehe schon in Ihren Augen die Sorge aufsteigen, es möchte mir etwa einfallen, einen Wehrlosen mit – einem Tugendspiegel zu traktieren! Nein! Obwohl es mich nicht wenig reizt, etwa die ganz besondere, die „verlegerische“ Weise, klug, gerecht, tapfer zu sein, einmal unter die Lupe zu nehmen – mag das jetzt sein, wie es will. Was der Autor, das heißt der Hervorbringer eines Manuskriptes, sich von einem „guten“ Verleger zunächst und vor allem erwartet, ist, etwas viel weniger Erhabenes; es ist einfach dies: daß es rasch gehe! Sobald das Manuskript abgeschickt ist an den Verlag (ja, ob es „der“ Verlag ist, dies eben steht zur Frage!) – von jenem Augenblick an gibt sich der Autor mit Inbrunst der Tätigkeit des Wartens hin. Das sollte nicht etwas so völlig Unbegreifliches sein. Und ein „guter“ Verleger müßte eigentlich das geradezu Tödliche zu erkennen vermögen, das etwa in der gemessenen Mitteilung liegt: „Wir bestätigen dankend den Eingang Ihres Manuskriptes. Wir werden es an unser Verlagslektorat weiterleiten. Gegebenenfalls werden Sie...“ und so fort. Welche Erlösung, wenn dann endlich, nachdem der Autor sich noch mehrere Male erkundigte hat, der Brief kommt, der mit einer ganz besonderen Rühmung des ungewöhnlich interessanten Manuskripts beginnt – welches jedoch, aus rein äußeren Gründen, im gegenwärtigen Augenblick leider nicht übernommen werden könne und wieder beigefügt sei.

Mit solchen grausamen, mehr als ein halbes Dutzend Mal wiederholten Spielen hatte ich den Sommer 1934 verbracht, als ich schließlich auf den verzweifelten ’Gedanken kam, mein Manuskript „Vom Sinn der Tapferkeit“, das ich bereits meinen „Bumerang“ nannte, an den Verleger von Bernanos, Claudel und Haecker zu schicken. Drei Tage später gedachte ich zu einer Radfahrt an die Lahn aufzubrechen. Glücklicherweise verzögerte ein ungeheurer Gewitterregen den Aufbruch, so daß ich, noch zu Hause, Ihren ersten Brief an mich, vom 4. September 1934, in Empfang nehmen konnte, dessen erster Satzhöchst unwahrscheinlicherweise besagte: Sie hätten das Manuskript, abends zuvor erhalten, es „noch am Abend selbst und dann in den frühen Morgenstunden zu Ende gelesen“, und Sie seien entschlossen, das kleine Buch zu drucken. Anderntags fuhr ich, befreiten Herzens, an die Lahn – und fand in Marburg den zweiten Brief von Ihnen vor, der den noch viel unwahrscheinlicheren Satz enthielt: „Ich könnte im Jahre zwei solcher Bände von Ihnen herausbringen!“ Was konnte näher liegen, als daß ich, durch das sommerliche Flußtal hin meditierend, den Plan faßte, ein Buch über die Hoffnung zu schreiben! Bei meiner Rückkehr lagen auf dem Tische schon die Korrekturfahnen der „Tapferkeit“. Und sieben Wochen nach Ihrem ersten Brief geriet mir beim arglosen Stöbern in der Buchhandlung das fertige opus in die Hand, in leuchtend blaues Leinen gebunden. Es war die reine Zauberei. Der. Bericht aber ist ungeschminkte Historie. Doch wissen Sie das vielleicht gar nicht mehr?

Solch einen Verleger also braucht ein junger Autor. Man braucht es einfach, auf die Zusendung eines Probekapitels postwendend die Antwort zu bekommen: es sei „hinreißend“ geschrieben. Später habe ich dann zwar erfahren, wie überaus gern und häufig Sie dieses Ihr Lieblingswort im Munde führen. Doch hat es mich damals so von Herzen erquickt, daß ich, in einem wunderbaren Winter, die weiteren Kapitel von der Hoffnung wie in einem Zuge niederzuschreiben vermochte. Übrigens, auch das opusculum „Über die Hoffnung“ erschien wiederum nicht viel länger als zwei Monate nach der Ablieferung, des Manuskripts – genau zu meinem Hochzeitstag. Ich rufe Ihnen – und auch mir selbst – diesen Anfang mit Freuden in die .Erinnerung, um Ihnen zu danken: wären doch die kleinen Bücher über das Bild des Menschen, die ein Teil meiner eigentlichen Aufgabe geworden sind, vielleicht gar nicht Zustande gekommen – ohne den „guten“ Verleger! Josef Pieper