Ganz zivilisiert werden wir erst sein, wenn auch die Ohren nicht mehr vogelfrei sein werden.“ Vor mehr als hundert Jahren sagte es Schopenhauer, und die Hansestadt Hamburg hat sich die Ehre genommen, es wahr zu machen. Als juristisches Novum erließ sie eine „Polizeiverordnung zur Bekämpfung gesundheitsschädlichen Lärms“, die den verständigen Hütern der Ordnung die detailliertesten Handhaben gibt.

Gesegnet sei der Alarm gegen die Diebe unserer Ruhe! Vieles von dem, was in beschaulicheren Tagen als „Lerm und Geräusch“ einen Schopenhauer zur Verzweiflung brachte, ist zwar zum unvermeidlichen Begleitumstand unseres technisierten Daseins geworden. Aber der Schutz unserer Trommelfelle bedeutet auch heute sehr viel mehr als eine praktische Prophylaxe für unsere Arbeitsenergie. Die Leute, die nicht auf Geräusche reagieren, sind immer noch „eben die, welche auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke, kurz, gegen geistige Eindrücke jeder Art sind; denn es liegt an der zähen Beschaffenheit und handfesten Textur ihrer Gehirnmasse“. Schopenhauer schloß mit Recht von der Quantität Lärm, die einer unbeschwert verträgt, auf die Intelligenz. Genau so hängt unser Verhältnis zur Humanität mit der Sensibilität, unserer Ohren zusammen. Wer. Krach macht, ist unhuman. Wer Krach zuläßt, ist es nicht minder. bgm.