Bochum, Ende Februar

Immer wieder greifen neuerdings die deutschen Bühnen zu den Werken des 1945 verstorbenen Georg Kaiser. Noch sind es vorwiegend nachgeholte deutsche Premieren von Stücken, die Kaiser während seiner Emigration geschrieben hat. Es hat sich allmählich herumgesprochen, daß Kaiser ein zahlenmäßig reichhaltiges, aber auch geistig und künstlerisch bedeutsames Spätwerk hinterlassen hat, dessen Pflege eine Verpflichtung für das deutsche Nachkriegstheater bedeutet.

Die Bochumer Erstaufführung der Komödie „Das Los des Ossian Balvesen“ mag weniger eine stilprägende Leistung als ein Beispiel mutiger Initiative gewesen sein. Aber sie verriet genug von der Eigenart des in Dramen das Leben bewältigenden Dichters, um als der eigentliche Eintritt dieser auch als Gebrauchsstück dankbar nachzuspielenden Komödie in das deutsche Nachkriegstheater zu gelten. Geschrieben wurde sie schon 1932. Gründgens wollte sie in Berlin aufführen. Da wurde Kaisers ahnungslosem Gönner Göring plötzlich offenbar, wer dieser Dichter eigentlich war, und er mußte auswandern. Leider gelang es in Düsseldorf nicht, jene Aufführungsabsicht nachzuholen. So bekam Bochum eine Chance.

Der Postbeamte Balvesen hat vierundzwanzig Jahre lang ein Lotterielos gespielt, das den Haupttreffer im fünfundzwanzigsten erzielt, als es Balvesen aus Sparsamkeit aufgegeben hat. Der Sinn des Bürgers und Beamten für wohlerworbene Rechte läßt ihn um seinen Anteil an diesem Spiel des „Zufalls“ kämpfen. Aber Glynn, der gegen alle bürgerlichen Instinkte gefeite Holzbildhauer, der sich dem „Chaos“ seiner Wälder und der Magie seines Holzes verwandt fühlt, jenes Los jedoch nur aus Menschenfreundlichkeit kaufte, überläßt es ganz und gar dem verdutzten Beamten. Nun bricht in Balvesens Brust ein um so heftigerer Kampf aus, als der drohende Reichtum sowohl die Berufswelt, in der sich der Anwärter auf die Direktorstellung des kleinen Postamts glücklich fühlt, wie die Familienverhältnisse des treusorgenden, an seine Lebenswelt auch innerlich gebundenenHausvaters zu zerstören droht. Kaiser versäumt nicht, die Spukhaftigkeit dieser scharf gezeichneten Bürgerwelt dem Lächeln der Zuschauer und seines heimlichen Helden, Glynn, preiszugeben. Aber dramatisch lenkt er ein in die Anerkennung eines Milieus, dessen klare Durchleuchtung ihn nicht hindert, es als das schicksalhafte Element der ihm wesensmäßig zugehörenden Menschen anzuerkennen.

Im kühler gewordenen Klima einer abgeklärten Geistigkeit entwickelt der Dichter eine Komödie, die diese Bezeichnung beanspruchen darf. Eine tragische Konstellation wird über den Weg des Lächelns einer lebensbejahenden Lösung zugeführt. Der letzte Akt hält mit seiner mehr milieukarikierenden Auflösung nicht ganz die Dichte der ersten. Aber „Das Los des Ossian Balvesen“ ist ebenso bezeichnend für Kaiser, wie es bühnenwirksam ist. An die vordergründigen Elemente hielt sich zunächst die Inszenierung Robert Lossens. Dadurch kam die Theaterkomödie zur Geltung. Erwin Kleist, Liesel Alex und Claus Hofer boten komödiantisch erfüllte Leistungen. Aber nicht nur in den realistisch aussparenden Dekorationen Walter Gondolfs, auch in einer spukhaft konturierten Gestalt wie dem ‚Losverkäufer Adolf Rebels und in der Typisierung bürgerlicher Lebensgewohnheiten, wie sie besonders Erwin Kleist als Balvesen darstellerisch gelang, kam jene Kaisersche Hintergründigkeit andeutungsweise, heraus, die trotz eines einhelligen Publikumserfolgs manchem Zuschauer das Lachen zuweilen doch im Halse festhielt.

Johannes Jacobi