mmg. Garmisch-Partenkirchen, Ende Februar

Seitdem die Hochgebirgsorte sich swimming pools und die Plätze an den Seen Skilifts zulegen, hat sich die einst sichere Grenze von Sommer- und Winterkurort bis zur Unkenntlichkeit verschoben. Hinsichtlich der Saisondauer braucht sich der Verkehrsverein gar nicht erst zu bemühen; das besorgt die Natur ganz von allein. Während die Pessimisten unter den Wirten noch um den in diesem Jahr bestürzend schlechten Januar trauerten, betrachteten die Optimisten fröhlichen Gemüts die kaum zu bewältigenden Schneemassen des Februar und berechneten, daß diese ohne Schwierigkeit auch die späten Ostern des Jahres 1952 überdauern würden. Die Technik aber hat schon längst dafür gesorgt, daß auch in abgelegenen Winkeln Bergbahnen, Kabinenlifts, Sessellifts und, solange der Schneevorrat reicht, auch die normalen Skischlepplifts bis ins tiefe Frühjahr hinein den Skisport zu jenem bequemer gewordenen Vergnügen machen, das die Zünftigen genau so verachten wie ihre bergsteigenden Großväter die ersten Drahtseil- und Zahnradbahnen. Bei allem Entsetzen über die Lawinenkatastrophen und allem Mitleid mit den unseligen Opfern – manch einer findet es fast tröstlich, daß die Natur der Technik gelegentlich einmal zeigt, wer der Stärkere ist....

Es muß freilich zugegeben werden, daß wir ohne die Technik nie zum Winteralpinismus in seiner heutigen Form gekommen wären. In seiner verbreitetsten Form, dem Skilauf, gehört er erfreulicherweise zu den Sportarten, bei denen es mehr Ausübende als Zuschauer gibt, und die Langlauf- und Abfahrtfreude des anonymen Laien ist mindestens ebenso wichtig, wie die Konkurrenz-Glanzleistungen der internationalen Champions es sind. Was natürlich nicht hindert, daß jeder Winterkurort, der etwas auf sich hält, seinen Gästen mit einem gutbesetzten Sportprogramm aufwartet. Garmisch-Partenkirchen, ein Städtchen von mittlerweile 25 000 Einwohnern, dessen Lebenssinn der weiße Sport in jeglicher Form geworden zu sein scheint, bringt im März Eishockeywettspiele und Abfahrtsläufe für Kurgäste, im April ein Internationales Eishockey-Osterturnier und beschließt seine „Wintersaison“ am 18. Mai mit dem Abschlußtorlauf auf der Zugspitze. Der März bietet übrigens in Rottach-Egern, dem Tegernsee-Platz, der sich gewaltig anstrengt, auch im Winter die sommerliche Beliebtheit durchzuhalten, das Abfahrtsrennen um den Goldenen Schild des Wallberg. Lenggries, der reizende Ort im Isar-Winkel, trägt vom 7. bis 9. März die Deutschen alpinen Skimeisterschaften aus, und am 23. März gibt es in Reit im Winkel (das sich mit Ruhpolding zusammen in den letzten Jahren zu einem immer beliebteren, schneesicheren Skiparadies des Chiemgau entwickelt hat) ein großes Skispringen. Auch Mittenwald hat für Anfang Mai zwei Skikonkurrenzen im Dammkar vorgesehen.

Auch der Winteraufenthalt in den Heilbädern ist heute sehr gefragt. Kaum ein Gebirgsbad daher, das seinen Kurbetrieb nicht voll aufrecht erhielte: Reichenhall und Tölz, Heilbrunn und Kohlgrub, Aibling und Wiessee in Bayern, Titisee, Hinterzarten, Bühlerhöhe im Schwarzwald. Wer nur vorbeugen will, findet es herrlich, an badefreien Tagen oder am Nachmittag Ski zu laufen. Und bekanntlich erholt man sich im Winter, in reinerer Luft und ständig ansteigender, intensiv reflektierter Sonnenstrahlung in vierzehn Tagen so gut wie im Sommer in vier Wochen. Doch ist nun die Frage fällig: Wer kann das bezahlen? Sogar in Berchtesgaden und Bayrischzell kann man schon für 1,50 DM Privatquartier haben, in Garmisch für 2 DM in der Nachsaison; die Pensionspreise der Gasthöfe und Pensionen in den kleineren Orten beginnen durchschnittlich bei 6,50 DM, in den Hotels – auch in Garmisch-Partenkirchen – etwa bei 9 DM. (Sie klettern bis 20 DM, hier und da noch ein bißchen höher.) Wer es auf das wunderbare Werdenfelser Land abgesehen hat und dabei mehr auf Ruhe als auf Betrieb aus ist, kann unmittelbar vor den Toren der Zentrale Garmisch-Partenkirchen in Farchant oder Grainau wohnen, wo Vollpension schon ab 4,50 DM angeboten wird.

Für Genießer kommen jetzt die schönsten Wintersporttage des Jahres, die Tage, an denen sie im Liegestuhl oder auch hoch oben auf dem schneefreien Holzstoß in der Sonne liegen, in 40 und mehr Grad Wärme, so viele Stunden wie Herz und Haut es vertragen. Es ist die Zeit, in der der Großstädter vegetativ werden sollte und still wie eine Pflanze erfahren was Sonne, Wärme und Frühjahr bedeuten. Es ist die Zeit, da der Mensch, wenn er nicht völlig verbildet ist, am stärksten spürt, daß er mit in den Kreislauf der Natur gehört.

Wer es sich irgend einrichten kann, sollte ins Gebirge gehen, wenn der Schnee schmilzt. Es gibt Firnschnee, es gibt nordseitige Hänge und Höhen, wo es sich noch monatelang herrlich Ski laufen läßt. Aber es gibt noch Schöneres. Es gibt die Schneestraßen, deren sonnenausgesetzte Seiten plötzlich weggetaut sind. Einen Meter unter sich – so hoch ist immer noch das Schneeniveau der Wege – sieht man die braune Erde, über die das glitzernde Schneewasser davonläuft. Wo es wegsickert, erblüht über Nacht die Teufelswurz, der Krokus und der erste Frühjahrsenzian. Ich wage zu behaupten, daß keiner wirklich weiß, was Frühjahr bedeutet, der nicht nach einem langen harten Winter die Schneeschmelze im Hochgebirge erlebt hat.