DIE ZEIT Feuilleton

Von Martin Rabe

Nicht nur in Europa streitet man sich über die moderne Kunst. Auch in den Vereinigten Staaten ist jetzt eine heftige Diskussion im Gange anläßlich einer Ausstellung heutiger Plastik im Metropolitan Museum von New York. Eine Jury hat bei dieser Gelegenheit die vier ausgesetzten Preise von insgesamt 8500 Dollar an ultramoderne Bildhauer verteilt. Die National Sculpture Society hat hiergegen protestiert, und wenn es einen solchen „Bund für Plastik“ bei uns auch nicht gibt, so klingt doch die Art des Protestes seltsam heimatlich und bekannt.

Dieser „Nationale Bund für Plastik“ nämlich klagt das Museum an, es habe die Preise Werken zuerkannt, die nicht nur extrem-modernistische und negative Tendenzen zeigten, sondern auch ganz mittelmäßige Arbeiten des „linken Flügels“ seien. Damit ist der künstlerische Streit auf politisches Gebiet hinübergetragen. – Als Mitte der zwanziger Jahre in Berlin sich ein ähnlicher Kampf abspielte von einer Künstlerfront, die von Liebermann und Karl Scheffler unterstützt wurde gegen den Direktor der Nationalgalerie Ludwig Justi, konnte er noch mit einem Witz wort beendet werden. Der Bildhauer Belling schrieb zur Verteidigung der Museumspartei in einer Berliner Zeitung einen Artikel mit dem Motto: De Justibus non est disputandum und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. In der Zeit politischen Hasses, in der wir leben, ist ein solcher Sieg nicht mehr möglich.

Der amerikanische „Nationale Bund für Plastik“ behauptet, daß es einer sehr aktiven Gruppe modernistischer Künstler gelungen sei, nach dem Whitney Museum und dem Museum of Modern Art auch das Metropolitan Museum unter ihre Kontrolle zu bringen. Dieser „machthungrige und destruktive Einfluß der modernen Kunst“ könne sich nur „zerstörend“ auswirken in einer Zeit, in der die amerikanische Demokratie von allen Seiten her durch totalitäre Strömungen bedroht sei. In allen Ländern, die Diktaturen zum Opfer gefallen seien, hätte sich die „modernistische Kunst als Avantgarde bewährt“.

Alle drei Museen haben hiergegen protestiert. Vom Museum of Modern Art wurde erwidert, diese Behauptung sei ein Versuch, die tapferen freiheitlichen Bemühungen jener Länder zu denunzieren, die später ein Opfer totalitärer Parteien geworden seien. Die Leitung des Whitney Museums ließ erklären, diese zu Propagandazwecken erfolgte historische Fälschung sei ein seltsames Echo auf die Taktik, deren sich Kommunisten und Nazi-Propagandisten im Kampf gegen die moderne Kunst bedient hätten. Das Metropolitan Museum endlich stellte lakonisch fest, es habe sich dem Urteil der Jury gefügt und sich nicht darum bemüht, „Rasse, Religion oder politische Anschauung der Preisträger zu erforschen“. Aber wie steht es denn eigentlich um diese Frage, ob die hypermoderne Kunst ein Zeichen Von Demokratie ist, wie das Whitney Museum und das Museum of Modern Art behaupten, oder ob sie die Avantgarde der Diktatur ist, als die sie die Mitglieder der National Sculpture Society ansehen? Als die gegenstandsfeindliche Kunst aufkam, nämlich kurz vor und nach dem ersten Weltkrieg, war sie zweifellos ein Kampfeszeichen der Linken im totalitären Rußland wie im demokratischen Deutschland. In Rußland wurde sie verboten, als die philiströse Richtung, die heute durch Stalin repräsentiert wird, zur Macht kam. Das gleiche Verbot erging in Deutschland, als die deutschen Spießer, durch Hitler exemplarisch verkörpert, an die Regierung gelangten. Der Diktator Mussolini hingegen hat die moderne Kunst ebensowenig verboten wie das demokratische Frankreich. Man sollte also die Einengung des Geistes nicht stets als ein Ergebnis staatlicher Formen ansehen. Sie ist eine Folge von Mittelmäßigkeit und Spießertum, und die Lehre heißt also: Hütet euch, noch einmal mittelmäßige Spießer an die Regierung zu lassen, ganz gleich, ob sie politisch links, rechts oder in der Mitte stehen!

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