Die höchst merkwürdige Erscheinung der „Supernova“, eines sehr seltenen Vorgangs in unserem Sternensystem, scheint jetzt durch die Ergebnisse der atomphysikalischen Forschung erklärbar zu werden. In unserem galaktischen System flammen jährlich etwa zwei Dutzend Sterne auf, von denen aber der größte Teil, wegen der Entfernung, nicht gesehen werden kann. Einen solchen neuen Stern nennen die Astronomen eine „Nova“. Sehr selten dagegen ist das Aufflammen einer Supernova. In der europäischen Geschichte wurde das Ereignis zweimal verzeichnet, und zwar 1572 von dem dänischen Astronomen Tycho de Brahe und 1604 von dem Deutschen Johannes Kepler. Chinesische Berichte erwähnen eine Supernova aus dem Jahre 1054. Eine Supernova haf, wie aus den erwähnten Berichten hervorgeht, wohl die tausendfache Leuchtkraft einer Nova; die drei Supernovae wurden bei Tag und bei Nacht beobachtet. Man schätzt, daß ein solches Ereignis sich im galaktischen System nur alle paar Jahrhunderte abspielt. Die historischen Berichte, die freilich nicht die heute übliche Genauigkeit haben, stimmen darin überein, daß 55 Tage nach dem Aufflammen die Leuchtkraft der Supernova um die Hälfte zurückging. Das Leuchten dauerte, mit rückgängiger Stärke, noch zwei Jahre, worauf dann, nach den Berichten, nichts als ein Nebel an der Stelle blieb, wo vorher der Stern war.

Dieser Ablauf gibt, wie der Physiker Dr. Borst auf der Jahrestagung der Physischen Gesellschaft der Columbia-Universität kürzlich erklärte, einen wesentlichen Anhaltspunkt für das Verständnis der physikalischen Vorgänge beim Auftreten und Verschwinden einer Supernova. 55 Tage ist nämlich ungefähr der Zeitraum, in dem Beryllium 7, ein neuerdings im Atomlaboratorium hergestelltes radioaktives Isotop des in der Natur vorkommenden Metalls Beryllium, zur Hälfte zerfällt (Halbwerkzeit), um sich in Lithium zu verwandeln. Man nimmt an, daß jeder Stern, der seinen ursprünglichen Wasserstoffvorrat, aus dessen Umwandlung in Helium er seine Hitze und Leuchtkraft bezieht, aufgebraucht hat, anfängt, sich zusammenzuziehen. Jetzt scheint es, daß eine Supernova in diesem Augenblick, anstatt ihre Hitze in den Raum auszustrahlen, sich zu einem kleineren, dichteren und heißeren Stern zusammenzieht! In diesem Prozeß beschleunigt sich seine Rotation, bis die Zentrifugalkraft ihn zu einem Nebel zerreißt. In der Phase der Kontraktion werden die Heliumatome, die aus dem ursprünglichen Wasserstoffvorrat entstanden sind, immer, enger zusammengepreßt und verwandeln sich bei einer Hitze von Milliarden Graden zu je zweien in je ein Beryllium-7-Atom. Wenn ungefähr ein Prozent der Sternmasse aus Beryllium 7 besteht, flammt der Stern auf, zerspritzt im Raum. Da nach 55 Tagen – neuere Forschungen geben 53 an – die Hälfte des Berylliums 7 verbraucht war, mußte die Supernova nachher halb so stark leuchten als zu Beginn. Borst meint, daß man vielleicht in den vier leichtesten Elementen, Wasserstoff, Helium, Lithium und Beryllium mitsamt ihren Isotopen, die in den Sternen und in den modernen Laboratorien entstehen, den Schlüssel für die Vorgänge in den Sternen finden, ja vielleicht sogar einen Blick in die Geschichte der Schöpfung gewinnen könne. W. F.