Von Paul Alverdes

Meine Erfahrungen mit dem Film reichen weit zurück. Eigentlich haben wir uns als Knaben schon welche ausgedacht, als es noch gar keine Kinotheater gab. Vielleicht hat das Suchen nach neuen Möglichkeiten des Anschauens damals bis in unsere kindlichen Spiele gewirkt. Die Geschichte der großen Erfindungen lehrt ja, daß um die Zeit ihres endgültigen Gelingens meist nicht nur ein einzelner, einsamer Geist darum bemüht war. Es ist, als ob die Zeit dann reif sei, und eine Ahnung davon sich ihrem allgemeinen inneren Zustand mitteile. So ist es mit dem Fliegen ergangen und mit dem Fernsprechen, und mit der Erfindung des Pulvers ist es vermutlich auch nicht anders gewesen. Noch immer bleibt es strittig, wer es denn nun wirklich als erster erfunden hat. Die Antwort auf die Frage, wer. es nicht erfunden hat, macht jedenfalls weniger Schwierigkeiten.

Darum glaube ich nicht, daß zu Dürers oder noch zu Goethes Zeiten die Knaben in der Schule auf den Gedanken verfallen sind, sich Reihenbilder auf Zettel zu zeichnen. Das aber ist bei uns, vierzig Jahre oder länger mag es her sein, auf einmal in Mode gekommen. Sie waren nichts anderes, als die vom Spielgeist ersonnenen Vorläufer der Zeichnungen zu den Trickfilmen von heute. Offenbar wollte unserem Verlangen nach der lebendigen Begegnung mit den Gestalten und Abenteuern unserer Phantasie das bloße Lesen und Anhören plötzlich nicht mehr genügen. Auch die knalligen Bilder auf den Groschenheften von Buffalo Bill und Nick Carter, die damals heimlich von Bank zu Bank wanderten, vermochten es nicht länger zu stillen. Wir begehrten genauer zu sehen, möglichst vieler Anblicke teilhaftig zu werden, nicht nur mit dem inneren Auge. Darum begannen wir, sie uns auf Zettel zu zeichnen. Meist waren sie nicht größer als Trambahnbillette. Die bedeckten wir nun, oftmals hundert und mehr davon hintereinander, mit den Pulverstücken unserer Träume. Der Held am Fuße der Strickleiter, die Pistole in der Faust, dann auf den ersten Sprossen, dann in der Mitte, dann oben, und über der Brüstung dort die Häupter seiner Feinde in vielen einzelnen Phasen langsam heraufsteigend, und so fort – wir wollten alles sehen und ließen es uns sauer werden. Auch so etwas wie eine Filmbörse gab es schon, wo die Zettelpäckchengetauscht wurden, und wir verstanden die Bilderschriften zu lesen wie die Inkas ihre Knotenschnüre. Nicht lange danach aber gab es wirklich den ersten Kintopp und die Zettelbildchen waren durch Zaubermacht sogar beweglich geworden. Da haben wir dann mit der eigenen Produktion einstweilen aufgehört.

Der Eindruck aber, den mir der erste Film gemacht hat, war überwältigend. Ich sehe Einzelheiten davon noch bis auf den heutigen Tag vor mir, ein Blockhaus im Busch zum Beispiel, aus dessen Fenstern die Pulverwölkchen aufpufften. Unzählige andere Filme aber, die ich seither gesehen habe, sind mir längst aus dem Gedächtnis geraten. Unser Dienstmädchen hatte uns damals verbotenerweise mitgenommen, und ich vermochte zuerst überhaupt nichts zu erkennen. Daran ist nicht nur der schwarze Strichregen schuld gewesen, der unaufhörlich über die Leinwand rieselte. Ich wagte mir einfach selber nicht zu glauben, bis ich mit Entzücken begriff, daß es sich wirklich lebendig, dort oben bewegte, wenn es auch nur schießende Gendarmen und Banditen in den Büschen waren. Damals ist meine Liebe zum Film gegründet worden. Sie hat bis auf den heutigen Tag gewährt, so oft sie auch enttäuscht werden sollte.

Einstweilen wurde sie es aber nicht. Denn da sprengten ja nun wirklich die Rothäute durch die Prärie, die Eskimos bepackten ihre Schlitten auf dem Eis, die braven Schutzleute von Paris sanken unter den Kugeln der Apachen dahin, und Hans Huckebein oder wie er jeweils hieß, mit dem Strohhut oder dem weißen Matrosenmützchen und zuletzt mit dem steifen Hut und dem schwanken Stöckchen hatte herzzerreißendes Ungemach zu bestehen. Er wurde mit seligem Gelächter dafür bedankt. Ein neues Welttheater war aufgeschlagen, und ich bin es nie müde geworden, mich auf die Bänke davor zu setzen. Die Tränen aber, die mir über meinen Büchern zuweilen die Augen feuchteten, die vergoß ich nun in Bächen in der Nacht der Kinos.

Es hat dann aber lange gewährt, bis ich selber den Zauberstab in die Hand gelegt bekam, so sehr ich es mir auch gewünscht hatte, pines Tages wollte eine Filmgesellschaft aus einer Erzählung von mir einen Film machen, und ich sollte das Drehbuch schreiben. Ein erfahrener Filmautor wurde mir zur Seite gegeben, denn das Drehbuchschreiben, hieße es, sei eine geheimnisvolle Kunst, die man regelrecht erlernen müsse. Ich setzte mich also mit meinem Filmpaten zusammen, Tag für Tag und Woche für Woche, bis die dreihundert und mehr Seiten dieses ersten Drehbuches geschrieben waren. Es zeigte sich, daß gar kein Geheimnis dabei war. Wie ich es mir immer gedacht hatte, ging es eigentlich nach der alten Zettelweise aus meiner Knabenzeit, einer nach dem andern ward geduldig mit einem Anblick beschrieben, bis wir am Ende aus der Leseschrift der Erzählung eine Bilderschrift für den Film gemacht hatten. Es war lustig, so zu arbeiten, denn was dem Filmpaten nicht einfiel, das fiel mir ein, und oft redeten wir beide auch zu gleicher Zeit auf unsere Schreiberin ein.

Hernach ist es aber dann doch nicht das richtige gewesen. Der Regisseur, dem wir das Drehbuch übergaben, war ein bedeutender Regisseur und hatte schon viele Filme gedreht. Aber damals hatte er sich, auf der Suche vielleicht nach einem künstlerischen Gesetz auch für Drehbücher etwas Merkwürdiges in den Kopf gesetzt. Er suchte nach einem in sich gebundenen Stil der Bildfolge. Sie übergangslos aneinander zu reihen, war ihm zuwider. Darum wollte er, daß jedes Bild, jede „Einstellung“, sich in der vorhergehenden gewissermaßen schon andeute, mit einer Geste, einem Requisit, einem Wort. Er versprach sich davon ein reineres Gefälle, eine innere Logik auch des fortlaufend Angeschauten. Mir leuchtete das ein. Der Zwang einem geheimen Formgesetz zu dienen, schärfte die Lust am Handwerk. Der Filmpate, erfahrener als ich, sah säuerlich dazu drein, aber wir machten uns ein zweites Mal an die Arbeit, und förderten nun ein Drehbuch im gebundenen Stil, legato, würden die Musiker sagen, zutage. Es gelang nicht einmal übel.