Übel aber wollte uns nun ganz unversehens der Geist der Zeit. Denn diese Erzählung, "Flucht", hat sie geheißen, spielte im Siebenjährigen Krieg und handelte von einem Fähnrich, der nicht aus Feigheit, sondern aus Überdruß und aus Hunger nach einem holderen Leben die Fahne verläßt, nachdem er ihr redlich gedient. Aber den Siebenjährigen Krieg, den haben einmal die Preußen mit den Österreichern ausgetragen, und die Erinnerung daran war unerwünscht geworden. Darum sahen wir uns nun angehalten, auch die letzte Spur davon aus dem Drehbuch zu entfernen. Wir hätten es nun ebensogut "Der erste Hirsch" benennen und eine Jagdgeschichte daraus machen: können. Da sahen wir ein, daß auch unser Legato-Spiel für die Katz gewesen, und das Drehbuch ruht heute noch in den Geiselgasteiger Archiven. Geblieben war die Lust zu neuen Versuchen.

Die Gelegenheit schien sich zu bieten, als ein berühmter Star gern die Frauengestalt in einer anderen Erzählung von mir für den Film verkörpert hätte. Wir trafen uns in der Halle des Regina-Hotels, um uns miteinander zu verständigen. Ein Raunen schwoll durch das Publikum, als die schöne, allen von der Leinwand her wohlbekannte Frau durch den dicht besetzten Raum geschritten kam. Da war auch ich einmal vom Glanz des Weltruhmes angeschienen, wenn auch nur wie der Mond, der ein bescheideneres Licht von der Sonne empfängt. Als sich mir nun gar ein grundgescheites, lebensoffenes Begreifen einer dichterischen Gestalt eröffnete, da hing mir der Film-Himmel abermals voller Geigen, legato zu spielen oder nicht und ich machte mich eilends an einen Entwurf. Noch eiliger aber waren andere. In jener Erzählung war, seiner verwandelnden Wirkung auf ihre Menschen wegen, an den vergangenen Krieg erinnert. Aber nun hatte der zweite begonnen, und von ihm durfte fortan allein noch die Rede sein. Da ist auch dieser Plan liegengeblieben, wie ein drittes und viertes Drehbuch, mit denen ich einer Dienstverpflichtung genügen sollte.

Von dergleichen war keine Rede mehr, als ich mit Harald Braun zusammen an die Entwicklung der später so bekanntgewordenen "Nachtwache" ging. Was thematisch damals vorlag, ist mit zwei Worten gesagt: Zwei Geistliche verschiedenen Bekenntnisses sollten sich als brüderlich miteinander verbunden erkennen. Man muß nun wissen, daß ein Film auch durch Anreicherung wachsen kann, wie ein Schneeball, den man lange genug in seinem Element hin und her wälzt. Aus zwei Stichworten, wenn sie sich nur als Zauberworte erweisen, läßt sich ein ganzes Drehbuch hervorbeschwören. Dabei werden Schritt vor Schritt alle nur ersinnbaren Variationen der Handlung probeweise, oder wie der Jargon sagt, "auf Hausnummer" entwickelt. Es ist eine harte, verzehrende Arbeit. Als wir den Schneeball auf einen entsprechenden Umfang herangewälzt hatten, erkühnte ich mich, den ersten Gesamtentwurf niederzulegen. Fast wurde es wirklich eine Niederlage. Es scheint zum Wesen auch des Films zu gehören, daß den dort angesiedelten Sachverständigen zunächst und auf jeden Fall nur das wenigste von dem behagt, was von draußen beigesteuert wird. Später schrieb Harald Braun das Drehbuch, an dem diesmal mir, bei aller Bewunderung, manches nicht behagte. Ich mochte mich am Ende weder mit einem allzu deutlich flirtenden Pastor noch mit der Degradierung meiner Lieblingsfigur zu einem Flegel einverstanden erklären. Es war just der Mann, der zu keinem der beiden Bekenntnisse mehr zu schwören vermochte. Gerade ihm wollte ich mehr inneres Gewicht zugemessen wissen. Die Absicht dabei war, auch die innere Kraft der anderen Seite um so überzeugender erscheinen zu lassen. Das kann sie nicht, wenn sie nur in pure Spreu zu blasen scheint. So ist es gekommen, daß ich meinen Namen zurückzog. Dennoch verdanke ich dieser Zusammenarbeit unvergeßliche Erfahrungen und Lehren. Von einer davon sei hier zum Schlüsse berichtet.

Es ward mir noch einmal angetragen, den Dialog zu bearbeiten. Dabei kam es wegen eines einzelnen Wortes zu unheilbaren Gegensätzen. Das Wort hieß: vermessen. Ich hatte es der Hauptdarstellerin in einem bekennenden Gespräch mit ihrem geistlichen Freund in den Mund gelegt. Allein sie weigerte sich, es zu sprechen. Es sei ein verschollenes, geschraubtes Wort. Sie werde es durch das Wort "schlimm" ersetzen. Erbittert sprach ich daraufhin meinerseits einige Worte, die jedenfalls weder geschraubt noch verschollen waren. Aber gerade sie sind mir hernach wirklich vermessen vorgekommen. Denn als ich den fertigen Film nun ansah und es kam jene Stelle, da war vor der großen Menschlichkeit der Darstellung, vor der Überzeugungskraft des bloßen Anblicks, das Wort zur Nebensache geworden. Ob nun vermessen oder sonst etwas, es hatte kein unentbehrliches Gewicht mehr, und diesmal triumphierte der gute Film über das einzelne Wort. Das habe ich damals gelernt.

Man möchte, mich aber hoffentlich nicht selber für vermessen halten, wenn ich bei einem nächsten Versuch trotzdem alles daran zu setzen gedenke, den meist heillosen Sprachstand unserer Filme dem oftmals so hohen Rang der Darstellung ebenbürtig zu machen.