Paul Hindemith nahm am Sonntagvormittag in der Musikhalle den Bach-Preis entgegen, der ihm im vorigen Jahre verliehen wurde und, wie Hamburgs Kultursenator Landahl sagte, alle drei Jahre einen deutschen Komponisten ehren, soll, der würdig ist, in Verbindung mit dem Namen des Thomaskantors genannt zu werden. Doch nur das Dokument über die Verleihung kam in Hindemiths Hand. Der materielle Wert des Preises möge diesmal zur „Ausbildung guter Musiker“ verwendet werden, so schlug Hindemith vor. Sichtlich gerührt dankte er für die „schöne Geste des Vertrauens, der Anerkennung und Ermunterung“.

Als er dann ans Dirigentenpult trat – kein „Kapellmeister“, kein Taktstock-Virtuose, sondern ein gleichsam rector musical –, begann ein Konzert, wie man schöner kaum eines in der Musikhalle gehört hat. Wohl hatte Hindemith in seiner kurzen, überaus schlichten Dankansprache sich entschuldigt, ihm stünde das Wort wenig zu Gebote – nun aber zeigte er, der schon die Dichtung seiner „Mathis“-Oper selbst geschrieben hatte, sich als der ideale Übersetzer der Lyrik Walt Withmans. Dieser hymnische amerikanische Dichter hat einst den Toten des amerikanischen Bürgerkriegs und dem Präsidenten Lincoln ein Requiem in Versen geweiht, eine große Dichtung, die den deutschen Komponisten Hindemith tief anrührte angesichts des millionenfachen Sterbens und der Trümmer des zweiten Weltkrieges. So schrieb er 1946 in Amerika auf die Withmanschen Verse sein „Requiem denen, die wir lieben“, eines der bedeutendsten Werke, die Hindemith je geschaffen hat.

In dieser großangelegten Kantate für Mezzosopran, Bariton, Chor und Orchester sind alle Künste der Polyphonie aufgeboten, über die Hindemith wie kein anderer moderner Meister verfügt. Und wie denn die Polyphonie seit Bach die Sprache des Metaphysischen zu sein scheint, so auch hier: bei der Betrachtung der Schönheit und Qual des irdischen Lebens bricht Licht aus einer anderen Welt herein. – Daß Bruckners „Te deum“ das Konzert krönte, war nicht zum Kontrast, sondern geschah aus demselben Geiste. Die Zuhörer waren so tief beeindruckt, wie dies durch Gegenwartsmusik selten geschieht, Ein Verdienst daran hatten freilich auch die Solisten Gertrude Pitzinger und Hans Braun, sowie der Chor der Philharmonischen Gesellschaft und das Staatsorchester. J. M.

*

Der René-Schickele-Preis für deutsche Literatur in Höhe von 5000 DM, dessen Stifter Thomas Mann, Bruno Walter, Alfred Neumann, Hermann Kesten und Curt Goetz sind, wurde zum erstenmal verliehen. Preisträger ist Hans Werner Richter für seinen Roman „Sie fielen aus Gottes Hand“.