Von Christian E. Lewalter

Am 24. Februar starb an einem Herzschlag der zweiundsiebzigjährige Anglist der Hamburger Universität, Emil Wolff.

Der Primus der Klasse war Emil Wolff, klein, rotblond, mit wasserblauen Augen. Er war nicht allein sehr klug, sondern auch sehr fleißig, weshalb er vom Klaßleiter offiziell ‚der Musterschüler‘ genannt wurde.“ Reinhard Piper, der Verleger, der in seinen Erinnerungen („Vormittag“, München 1947, S. 144) dies Signalement festhält, erzählt auch, wie sie beide als Obertertianer des Münchener Wilhelm-Gymnasiums eine literarisch-künstlerische Zeitschrift, einen Über-„Pan“, herausgaben – eine Unternehmung, die kurz und heftig gewesen sein muß, denn Piper schließt mit den Worten: „Wolff und ich machten Schmähgedichte aufeinander.“

Die souveräne Intelligenz, die enorme Arbeitskraft und der allzeit schlagfertige Sarkasmus charakterisierten auch den Hamburger Universitätsprofessor, der sich gleichwohl stets als protestantischer Urmünchener – als lebendiges Paradox also – fühlte. Auf den Schulbänken vor dem Primus hatten die fürstlichen und gräflichen Pagen aus dem benachbarten Maximilianeum. gesessen – eine Erfahrung, die wohl dazu beigetragen hat, daß dem Professor späterhin keine Herkunft, kein Amt und kein Name imponierten, sondern nur die geistige Leistung und die aufrechte Gesinnung.

Er machte kein Aufheben von sich und verschmähte jede Publizität seiner Person – so nachdrücklich, daß Reinhard Piper 1947 gar nicht wußte, was aus dem Primus von damals geworden sei, und höchlich erstaunt war, als er vernahm, der derzeitige Hamburger Universitäts-Rektor sei identisch mit jenem rotblonden Klassenkameraden, Emil Wolff nämlich, bei der Gründung der Hamburger Universität 1919 auf den anglistischen Lehrstuhl berufen, war zwar über dreißig Jahre lang eine Seele dieser Hochschule (zwölf von diesen Jahren geradezu ihr Unterbewußtsein), aber er duldete niemals, daß dies an die große Glocke gehängt wurde. Nur die akademischen Bürger wußten von seinem Königtum und Arten es auf ihre Art: als bei Wolffs letztem „Hamlet“-Kolleg die Stimme kaum noch in den allerersten Reihen vernommen werden konnte, war dennoch Abend für Abend das Auditorium maximum bis in die letzte Bank gefüllt. Es war eine stumme Ovation beim Abschied.

In England war er bei den Gelehrten bekannter als in Deutschland, obwohl er nur wenig in seinem Fach publiziert hatte und von der Betriebsamkeit der Völker-Verständigungs-Aktionen nichts hielt. Dort würdigte man Wolffs stupende Kenntnis der englischen Kultur, seinen universellen Geist und seine mannhafte, für die Kollegen oft unbequeme Hartnäckigkeit in Fragen, der wissenschaftlichen Freiheit. Auch seine Universalität befremdete manchen, weil sie die Grenzen derFächer, des eigenen wie der anderen, sprengte. Als er 1927 eine (von Hegel aus weiter denkende) „Philosophie des Geistes“ veröffentlichte, betrachtete man – das als eine Kompetenzüberschreitung. Dann aber, als 1933 die Gleichschaltung kommen sollte, fand der Philosoph Wolff das befreiende Wort: Die NS-Behörde verlangte von der Fakultät ein Gutachten über die notwendige Reform der Lehrerbildung. Wolff wandte ein, die Bildung könne man nur reformieren, wenn man eine Philosophie habe, aber es gebe zur Zeit keine. Ein Philosophieprofessor versuchte zu vermitteln; es seien aber doch Ansätze zu einer neuen Philosophie da, nur seien diese sich ihrer selbst noch nicht bewußt. Worauf Wolff replizierten „Wenn Sie etwas, das sich seiner selbst nicht bewußt ist, eine Philosophie nennen wollen, dann allerdings...“ – und das Gutachten wurde nie erstattet.

Der kaustische, aus Ehrfurcht vor der Wahrheit entspringende Witz schonte niemanden, der vor der strengen Forderung nicht bestand. Aber er konnte auch, wie Shakespeares Komödien-Humor, in reiner Heiterkeit strahlen. Alljährlich zum Fest seines Seminars schrieb der Direktor ein parodistisches Stück. Am glänzendsten geriet ihm wohl jenes, das die „Herzogin von Amalfi“ des Elisabethaners Webster (die Seminarkktüre des Semesters) travestierte und in der der gestrenge Chef selbst in der Rolle des Lykanthropos (des „Wolffs-Menschen“) Lachstürme entfesselte. Da kam unter der oft so spröden Kruste etwas Bajuwarisches hervor: die Lust am Spiel und die Freude an der Selbstironie.

Gewiß, streng war er. Er konnte noch gegen längst Verstorbene höhnisch werden, wenn er sie auf Schnitzern ertappte – so etwa gegen Schelling, der in einer Vorlesung gesagt haben sollte, Jacob Böhme sei von Spinoza beeinflußt (der doch erst nach des Görlitzer Schusters Tode geboren ist). Aber wenn ein Prüfling ihm im Examen auf eine Frage antwortete, er habe dieses Gebiet nicht vorbereitet, so hinderte das Wolff nicht, ihn, wofern er nur sonst tüchtig war, summa cum laude zu promovieren. Er verwechselte das bloße Wissen nicht mit dem Können.