Zur fünften Wiederkehr von Heinrich Georges Todestag – Bericht eines Leidensgenossen

Wie das Schicksal Heinrich Georges endete, des Menschen, der als Schauspieler unumstritten war, darüber sind noch heute die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf. Er sei zuletzt – so hieß es – Persona grata bei den Sowjets gewesen, da er einst Kommunist gewesen sei. Er sei in deutschen Kriegsgefangenenlagern inmitten Rußlands aufgetreten. Nichts dergleichen ist wahr. Heinrich George war von 1945 bis 1947 Gefangener der russischen Konzentrationslager bei Berlin. Er starb im Lager Sachsenhausen. Bald fährt sich sein Tod zum fünften Male. – Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir den Bericht eines Leidens genossen, der – ein Pianist aus Berlin – am gleichen Tage wie George verhaftet wurde und die beiden Elendsjahre gemeinsam mit dem einst gefeierten Schauspieler verbracht hat. Sein Bericht sagt, daß Heinrich George ein lebensvoller Mensch und selbst, in der Gefangenschaft noch ein großer Künstler war, nur Künstler, nichts sonst.

Es begann damit, daß wir von den Russen „verhaftet“ werden; das heißt: wir wurden einfach weggeschleppt aus unsern Häusern, und schon dies war etwas wie Tod. Wie im „Jedermann“ suchten wir: Wer kann mitkommen? Wer kann helfen, wer für mich gutsagen, was kann ich mitnehmen? Dann hat jeder von uns allein und gottverlassen seinen Weg durch Keller, in denen wir „verhört“ wurden, durch dunkle, vollgepfropfte Verliese gehen müssen. Nach vielen Wochen kam in dem Lager Berlin-Hohenschönhausen so etwas wie Ruhe und damit ein Zustand, der in der völligen Gleichförmigkeit unerträglich zu werden drohte. Heinrich George versuchte, wie die meisten von uns, in irgendeiner Art sich zu beschäftigen. Er betätigte sich zunächst in der Küche, in der die täglich gleiche Wassersuppe fabriziert wurde, mit der wir ernährt wurden.

Die Idee einer künstlerischen Betätigung ging von zwei Häftlingen aus, die beide Russisch sprachen: sie setzten bei den Offizieren der Bewachung die Gründung einer Künstlergruppe durch. George wurde sofort einbezogen, und ich erhielt den Auftrag, Klavier zu spielen. Als sei es gestern gewesen, so deutlich ist mir in Erinnerung, wie sich mir beim üben plötzlich eine schwere Hand auf die Schulter legte: Heinrich George stand hinter mir und sagte leise: „... und so was sitzt nun hier ...“ Wir machten unsere Pläne, obwohl die Lagerleitung Programme seichtester Unterhaltung wünschte: „Die Leute wollen lachen ...“ Aber diese Rechnung war verkehrt, die Lagerleitung hatte sich geirrt. Schon im ersten Programm, als George den „Erlkönig“ las, verstummte die lärmende Menge erstaunt. Der Erfolg dieser Veranstaltung, auf der ich Chopin spielte, war der erstaunlichen Gestaltungskraft Georges zu verdanken, der sogar die Russen mitriß, die kein Wort Deutsch verstanden. Sie erlaubten dann ja auch, daß wir einiges Material von draußen bekamen, und nun war eine Programmgestaltung gesichert.

Der Hunger war vergessen

Wir brachten Münchhausens „Todspieler“ als Melodram; zum erstenmal arbeitete ich mit George: jede Silbe wurde gefeilt, wiederholt verworfen, erneuert, geändert, und immer stärker wuchs die Ballade zur großen und klaren Darstellung. Mitten in einem „bunten Programm“ trug George den „Todspieler“ vor, und es ergab sich, daß ich Bachs „Chromatische Fantasie und Fuge“ hinzufügen konnte. Ein anderes Mal rezitierte George einen ganzen Abend lang Gedichte von Lessing, Goethe, Claudius und Eichendorff. Und reglos saßen die Menschen, voller Staunen über das Wunder, daß sie in dieser elenden Lageratmosphäre, in Lumpen und mit beißendem Hunger, plötzlich alles vergessen konnten.

George selbst war stark mitgenommen von solchen Abenden, aber er war von dieser Arbeit so erfüllt, daß er glückliche Stunden verlebte. Immer mehr empfanden wir, daß die Leute in unserem KZ – bar jeder geistigen Nahrung – der großen ernsthaften Kunst sehr aufgeschlossen waren. George begann nun, Theaterstücke einzustudieren, unterstützt durch den Schauspieler Konstantin, der am Rosetheater gewesen war, und von Wulle, der den „Acht Entfesselten“ die Texte geschrieben hatte und nun aus dem Gedächtnis ganze Textbücher rekonstruierte. Es wurden schließlich sogar „Bühnenbilder“ angefertigt, obwohl es schwierig war, Holz, Pappe, Nägel zu „organisieren“. George war in solchen Dingen ein wahrer Hexenmeister. –