Inmitten des überaus regen Musiklebens, das von je, besonders aber seit der Zeit nach dem ersten Weltkriege, in den vielen, eng benachbarten Städten des Rhein- und Ruhrgebiets herrscht, nimmt Dortmund einen allgemein anerkannten Ehrenplatz ein. Das verdankt es nicht zuletzt – angesichts der scharfen und qualifizierten Konkurrenz ringsumher darf man sogar sagen: wahrscheinlich in erster Linie – dem vieljährigen Wirken des bisherigen Städtischen Generalmusikdirektors Wilhelm Sieben. Jetzt ist er, längst über die berüchtigte „Altersgrenze“ hinaus, aus dem Amte geschieden. Sein Nachfolger wird es nicht leicht haben. Gehört Sieben doch zu jenen allmählich aussterbenden Musikern, denen die handwerkliche und geistige Beherrschung ihrer Kunst – worauf allein sich schon die Geltung der meisten Fachgenossen stützt – nur eben die selbstverständliche Voraussetzung ist, während das Wesentliche ihrer Auswirkung in der Ausstrahlung eines hohen und reinen Menschentums liegt, in dem sich ethischer und intellektueller Wert die Waage halten.

Es hängt gewiß mit eben diesem Wertgehalt zusammen, daß Wilhelm Sieben zwar weitreichenden Ruhm als Dirigent genoß, aber dennoch nicht so zur Geltung kam, wie andere, die an seinen Rang nicht heranreichten. Er verstand es nicht, sich aufzudrängen. Obwohl überall bekannt und geschätzt, wo gute Musik gemacht wird, blieb seine Arbeit in der Hauptsache doch zuletzt auf Dortmund konzentriert. Für die Stadt war es jedenfalls ein großer Vorteil, keinen größtenteils abwesenden Reisedirigenten zu besitzen, wie es anderen Städten meist ergeht.

Siebens Verdienst war es ohne Frage, daß Dortmund bald nach der Kapitulation schon wieder ein Orchester beisammen hatte, dessen Leistungsfähigkeit von sich reden machte. Er verstand es zugleich, auch menschlicher Mittelpunkt seiner Künstlerschar zu sein; er verstand vor allem sein Orchester zu erziehen. Auch darin wird er, gerade heute, schwer zu ersetzen sein: daß er allem Guten, Großen und Echten in der Musik vorurteilsfrei aufgeschlossen war, daß er keine „Richtungen“, kein Partei- oder Cliquenwesen kannte und stets unbeirrbar blieb durch Kritik, die er jeweils nach Ernst oder Unernst wohl zu unterscheiden wüßte.

Aber hier soll kein Nekrolog auf Wilhelm Sieben geschrieben werden. Er lebt noch, hat noch viel Jugendlichkeit in sich, und seine künstlerische Mitarbeit wird immer „gefragt“ sein. Der Stadt Dortmund wäre jedoch zu wünschen, daß es ihren kunstverständigen Vätern gelingen möge, die Frage einer so positiv vorbelasteten Nachfolgerschaft auf eine Art zu lösen, die dem Rufe der Musikstadt keinen Abbruch tut, sondern ihn auf der bisherigen Höhe erhält. A-th