Von Stefan Roth

Fast alle Menschen, die Goethe im Leben begegnet sind, sprachen mit Erstaunen und Bewunderung von seinem großen Auge. In diesem Auge lebte noch die menschliche Urkraft des Schauens; die Bilder der Welt wurden von ihm eingesogen und in ein denkendes Bewußtsein aufgenommen, aus dem sie als dichterische Gleichnisse oder Wahrsprüche der Erkenntnis wieder zurückstrahlten. Diese Kraft des Schauens, damals immerhin noch häufiger, wenn auch in verschiedenen Graden, vorhanden, hat sich seither mehr und mehr verloren. Mit dem Verlust der „Beschaulichkeit“ ist selbst das „Sehen“ verkümmert. Der heutige Mensch, der durch die Weltgegenden rast, um rastlos flüchtige Eindrücke einzuheimsen, und der das Sehen an die mechanische Linse des Foto-Apparates abgetreten hat, gebraucht das Auge nur noch zum Glotzen oder zum Spähen.

Daß die Welt den Menschen trotz aller wissenschaftlichen Forschungsergebnisse immer unbegreiflicher und unenträtselbarer erscheint, hängt sicherlich mit dieser Einbuße der Unfähigkeit des Schauens zusammen. Man hat verlernt, im Bilderbuch der Welt zu lesen, seine Zeichen auf sich wirken, zu sich sprechen zu lassen. Anstatt die Dinge selbst zu befragen, sucht man Antworten jenseits der Anschaulichkeit. Aber diese Antworten verraten nichts über das Wesen der Wirklichkeit. Sie gestatten nicht einmal die einfache Unterscheidung des Lebendigen und des Toten, des Gesunden und des Kranken, und entbehren daher jeder orientierenden Bedeutung für das menschliche Verhalten.

In wenigen einzelnen aber ist die Gabe des Schauens wohl noch wirksam. Einer von diesen ist der Schweizer Max Picard dessen Bücher auch bei uns in den letzten Jahren immer stärker beachtet werden. Es sind geradezu Lehrbücher des Schauens, Leitfäden der Kunst, Gedanken aus dem Gesehenen zu entwickeln, die Sprache der gegenständlichen Welt zu entziffern. In noch höherem Grade als von seinen früheren Werken gilt das von dem kürzlich bei Eugen Rentsch in Zürich erschienenen neuen Buche „Zerstörte und unzerstörte Welt“. Zunächst nichts weiter als eine Sammlung von Reise-Eindrücken; Notizen von einer Fahrt durch Italien. Das „Zerstörte“ sind dabei nicht etwa nur die Ruinen des Krieges, das „Unzerstörbare“ nicht etwa ideologische Werte, die willkürlich mit dem zufällig äußerlich Heilgebliebenen verknüpft würden. Es wird hier vielmehr nicht nur in die Erscheinungen hinein, sondern auch gewissermaßen durch sie hindurch gesehen:

„Es ist mir oft aufgefallen in Italien, daß manche. Landschaft, in der viel Geschichte geschah, wie ausgelaugt ist. Es scheint eine Beziehung zu bestehen zwischen der Vitalität der Landschaft und der Geschichte, die in ihr sich abspielt, es ist, als ob die Landschaft nur ein gewisses Maß von Geschichte vertrüge. Hier, in Spoleto, waren die Umbrer, die Etrusker, die Römer, an der Porta Fuga in der Stadt soll Hannibal in die Flucht geschlagen worden sein, die Langobarden waren hier, die Hohenstaufen und die Späteren, zuviel ist hier geschehen, die Landschaft ist wie abgenützt.“

In gleicher Weise wie in der Landschaft, wird in den Formen und Maßen der Architekturen gelesen. In Bezugsetzung zum Menschen ergibt sich dabei etwa ein Bild wie dieses:

„Die Säulen im Dom“ (von Piacenza) „sind wie die dicken Platanenstämme in der Allee von Caslano, wenn die Zweige weggeschnitten sind. Ihre Herkunft ist noch bei ihnen, die Erde, aus der die Säulen geschlagen wurden, die Breite der Erde ist dem ganzen Dome mitgebracht. Die Menschen im Dom erscheinen sehr klein. Ein paar stehen in der Mitte, wie umwachsen vom Dom, wie manchmal kleine Insekten vom Bernstein umwachsen sind, durch Zufall hineingeraten in seine Mitte.“