st. Paris, Anfang März

In Fontenay bei Paris lebt in Gesellschaft eines Affen und einer Katze, dem melancholischenRestbestand einer Menagerie von Findeltieren aller Art, ein kurioses, etwas heruntergekommen aussehendes Männchen mit Nickelbrille und Fellkapuze: Paul Léautaud, der indiesen Tagen seinen achtzigsten Geburtstag feierte.

Er war der Sohn eines Souffleurs der „Comédie Française“ und einer jener Damen, die Sartre unter Umständen „respektvoll“ nennt. Diese pittoreske Abkunft amüsiert den Alten noch heute, denn er hat sie erst kürzlich, als ihn der französische Rundfunk jede Woche in der Sendereihe „Les propos de Paul Léautaud“ um seine Meinung über die moderne Literatur fragte, mit schallendem Gelächter bekanntgegeben. Das Gelächter Léautauds ist seitdem berühmt; aber es ist auch gefürchtet, denn es schallte nicht in allen Ohren gleich, angenehm. Paul Léautaud besitzt nämlich die böseste Zunge, die es seit den Tagen Voltaires in der französischen Literatur gegeben hat. Wo Léautaud erscheint, beginnt das große Geniesterben. Er kannte sie alle: Mallarmé, Barrès, Rémy de Gourmont, Proust, Gide, Fargue, Apollinaire, Valéry – die Aestheten des „l’art pour l’art“, die Dandies des „fin de siècle“, die Propheten des Mythos vom „Blut, von der Wollust und dem Tode“. Léautaud hat sie alle gewogen und zu leicht befunden. Selbst Valéry, seinen einzigen Freund, rechnete er nicht unter die Großen der Literatur.

Außer seinen Theaterkritiken hat Leautaud eigentlich nur sein „Tagebuch“ geschrieben, ein unübersehbares, zum größten Teil noch unveröffentliches Werk, eine Generalabrechnung mit seiner Epoche, die manche hübsche Überraschung enthalten dürfte.

Lange Jahre war er vergessen. Man glaubte ihn tot oder in einem Armenhaus verschollen. Jetzt erlebt der Achtzigjährige eine „publicité, wie man sie nur von Best-Seller-Autoren gewohnt ist. Schon haben seine Rundfunk-Sentenzen, die von Gallimard gedruckt wurden, eine Auflage von 100 000 erreicht: ein „Skandal des Schlechten Geschmacks“, wie die Sibyllen von St. Germain des Prés verkündeten. Eine Dame, die von Léautaud nicht gerade mit Komplimenten überschüttet worden war, nannte ihn schlicht „eine Kröte“. Léautaud schlug im Wörterbuch nach und fand: „Kröte = nützliches Ter, das Ungeziefer vertilgt.“