Göttingen, Anfang März

Welch ein großartiges und für unsere friedenlose Zeit erregendes Thema hat Dr. Harald Braun für seinen neuen Film „Herz der Welt“ gewählt, der von vornherein die Sympathie aller Wohlmeinenden hat. Das Leben Bertha v. Suttners, die 1905 den ersten Friedensnobelpreis erhielt, fällt in einen Abschnitt der europäischen Geschichte, in dem es noch möglich war, ausschließlich mit der Kraft des Gefühls für ein idealistisches Ziel einzutreten. Mit dem Instinkt der Frau war die Suttner erfüllt von der großen Idee, in Schrift und Rede für den Frieden der Welt zu wirken und den durch fortschreitende Technik immer gefährlicher werdenden Krieg zu verdammen. Die Autoren des Films (Harald Braun und Herbert Witt) haben in freier Nachgestaltung den Stoff in viele Episoden aufgegliedert, die mit Berthas Jugend in ihrer österreichischen Heimat beginnen, als sie noch von dem patriotischen Rausch erfüllt war, daß Kriege zum Ruhm des Vaterlandes geführt werden. Aber schon ihre erste eigene Berührung mit dem Krieg bringt den völligen Wandel; und in den weiteren Episoden erleben wir ihre Begegnung mit dem einsamen Alfred Nobel, mit dem Rüstungsmagnaten Zaharoff, ihre Reisen und Vorträge, die Entstehung ihres Buches „Die Waffen nieder“ und ihr persönliches Glück in der Heirat mit dem Baron von Suttner. Äußerer Höhepunkt ihres Lebens ist der erste internationale Kongreß für den Frieden in Monaco. Aber aller Idealismus ist zu schwach gegen die brutale Wirklichkeit, und als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, ist auch ihr Werk gescheitert. Ihre Stimme aber wird nie verstummen, solange der Frieden die Sehnsucht der Menschen bleibt.

Die Welt hat auch nach dem zweiten Weltkrieg noch keine Ruhe gefunden, und ein Film, der durch die Darstellung von Bertha von Suttners Leben einen Appell für den Frieden geben will, ist heute eine Tat ersten Ranges. An seiner künstlerischen Gestaltung jedoch scheiden sich die Geister. Die einen werden ihn begrüßen als Fortführung der guten alten deutschen Filmtradition, ohne zu bedenken, daß sich seit den Tagen der Ufa unser Leben gründlich gewandelt hat. Die anderen werden die Form des Films ablehnen, weil er sein Thema für unsere Zeit nicht bewältigt habe. Er rüttelt nicht auf, aber er rührt; er weist nicht vorwärts, aber er ist eine beherzigenswerte Reminiszenz. Braun unterlag manchmal der Gefahr, überdeutlich zu werden. Er pflegte das Detail, die Episode, und die stark gesetzten Kontraste: so etwa Ballsaal gegen Verwundetentransport ... edle Einfalt eines großen Herzens gegen die zynische Skrupellosigkeit des Rüstungsjobbers.

Unter den Darstellern formen am ehesten Mathias Wieman und Werner Hinz ihre Rolle zu abgerundeten Bildern echter Persönlichkeiten: Wieman als Nobel mit der Melancholie des Einsamen und der düsteren Ahnung, daß seine Erfindung des Dynamits zum Unheil für die Menschheit werden könnte; Hinz als Zaharoff, der ohne alle Bedenken ist und keine Intrige scheut, wenn es um Rüstungsgeschäfte geht. Hilde Krahl aber erliegt in der Hauptrolle der Gefahr der Übertreibung. So hat dieser Film, trotz der guten Photographie von Richard Angst, ein großes Thema nicht gebührend getroffen.

Werner Schwier

*

Teresa“ und „All about Eve“, zwei amerikanische Filme, die in diesen Wochen in der Bundesrepublik laufen, sind zwar von polarer Gegensätzlichkeit der Form und Thematik. Bei näherer Betrachtung aber stellen die zwei Frauenschicksale, die sie gestalten, samt ihren Umwelten, gar nicht so sehr extreme als vielmehr typische Ausschnitte des nur eben extrem vielfältigen Lebens in den USA dar.