Mögen sich Schrottwirtschaft und eisenschaffende Industrie auch manchmal heftig streiten, so blieben sie doch immer in einer gemeinsamen Familie. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie „Eisenwirtschaft“ behindert allerdings nicht die Rauflust der Brüder. Was sich aber seit einigen Wochen zuspitzt und die Grenzen der vernünftigen Auseinandersetzung längst überschritten hat, ist jener neue unselige Streit zwischen Schrotthandel und Schrottverbraucher um Preise und Mengen, um Kontingentierung oder Handelsfreiheit. Es scheint die starke Hand zu fehlen, die die Hadernden daran erinnert, daß solche Streitigkeiten den erreichbaren Zielen nicht dienen, daß sie aber geeignet sind, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die eisenwirtschaftliche Führungsposition zu erschüttern.

Der Schrotthandel hat im bisherigen Verlauf des Streites um die Freigabe der Preise durchaus ernsthafte und schwerwiegende Argumente ins Treffen geführt. Aber auch diese erreichen eines nicht: nämlich mehr Schrott herbeizuschaffen. Nicht eine vorübergehende Erfassung von 10 oder 15 v. H. zusätzlicher Mengen für drei oder auch sechs Monate ist das Ziel, sondern die grundsätzliche Rückkehr einer Schrottmarktordnung und die Angleichung von Rohstoffmengen und Verbrauchswünschen.

Nach Auffassung des Schrotthandels werden zur Zeit 40 bis 50 v. H. der Zukaufmengen außerhalb des Handels zu Schwarzpreisen oder im Kompensationsgeschäft mit der Weiterverarbeitung beschafft. Der Durchschnittspreis dieser schwarzen Mengen liege bei 160 bis 180 DM je t gegen 92 DM Durchschnittspreis, der als gesetzlicher Höchstpreis gilt. Der Schrotthandel glaubt am Beispiel von sieben großen Hüttenwerken darstellen zu können, daß in der Kalkulation der Eisen- und Stahlindustrie für Schrotteinkauf bereits ein Mischpreis von rund 125 DM die Tonne existiere.

Er folgert daraus (nicht ganz zu unrecht), daß jedes offizielle Verhandeln auf der Basis von 92 DM ein Selbstbetrug sei. „Wir müssen mit der Preisunwahrheit fertig werden und die Disziplinlosigkeit der eisenschaffenden Industrie niederzwingen“ – sagt der Handel. Er betrachtet dabei eine neue Marktregelung des Bundeswirtschaftsministers etwas spöttisch und sagt: „Eine Neuverordnung eines bereits verordneten Zustandes ändert die gegenwärtige Wirtschaftspolitik der Unmoral nicht und bringt keine Tonne Schrott mehr hervor.“ Die Wirksamkeit einer staatlichen Anordnung wird also schon verneint, ehe sie überhaupt da ist. Diese Auffassung ist bedauerlich. Der Schrotthandel, der so vorzügliche persönliche Beziehungen zum Bundeswirtschaftsminister hat, müßte sich doch darüber klar sein, daß bei einer solchen Einstellung die Berechtigung verloren gehen kann, am Regierungstisch mitgehört zu werden und mitverhandeln zu dürfen.

Aber auch die eisenschaffende Industrie ist in keiner glücklichen Position. Die aus der Entflechtung entstandenen Werke sind an sich für einen gesunden Wettbewerb und drängen zur Produktionserhöhung „um jeden Preis“. Jeder ist bestrebt, sich am Schrottmarkt „so gut einzudecken, wie er kann“. Die Preistreiberei am Schrottmarkt dürfte daher weniger vom Handel als vielmehr von den einkaufenden Werken oder den Stahlkunden aus der Weiterverarbeitung gefördert sein, die durch Agenten zu weit überhöhten Preisen Schrott aufkaufen, denn: die eisenschaffenden Werke verlangen bei Neuproduktion Schrott vom Kunden als Kompensation! Wo er herkommt, das interessiert die Hütte nicht...

In Schrott herrscht ein Geschäftsgeist, der die Usancen der Jahre vor der Währungsreform weit übertrumpft. Hier kann nur in zweierlei Richtung Abhilfe geschaffen werden: Entweder Freigabe der Preise oder Marktordnung mit Staatseingriff. Aber welcher Weg soll gewählt werden, welchen Weg kann die soziale Marktwirtschaft, welchen Weg darf sie überhaupt nur noch wählen?

Das Bundeswirtschaftsministerium hat vor kurzem entschieden, daß die Eisenpreise nicht freigegeben würden. Ein Entscheid, der sicherlich niemandem schwerer gefallen ist, als Minister Erhard selbst. Das ist aber der Ausgangspunkt für die Lösung der Schrottmarktlage. Wir haben versucht, in Gesprächen mit beiden Seiten Ansatzpunkte für eine gemeinsame Linie zu finden. Der Schrotthandel äußerte sich wie folgt: