f. Hannover, im März

Auf der großen Frühjahrsmesse in Hannover, die am Sonntag zu Ende ging, scheinen trotz mancherlei anderen „Schlagern“ den größten Eindruck die Mädchen gemacht zu haben, die in den Halten umherliefen und kleine herzförmige Büchsen anboten: Chlorophyll. „Davon nimm ich mir a Kilo mit nach Haus’“, hörte ich einen österreichischen Fabrikanten sagen. Ursache seiner Begeisterung war der Kommentar des Mädchens: „Ein Chlorophyll-Dragee verhindert auf viele Stunden jede Geruchsentwicklung im Körper; ob Sie Schnaps trinken, Heringe oder Knoblauch essen, Zigarren rauchen oder schwitzen – Sie werden vollkommen geruchlos sein“, sagte die junge Dame mit bezauberndem Lächeln und kassierte. „Dann weiß ja mei’ Frau gar nimmer, wann ich an’ Affen heimbring’“, triumphierte der Fabrikant. Keine Fahne flattert mehr voran ...

Die tieferen chemisch-biologischen Zusammenhänge zwischen dem Chlorophyll, das wir als den grünen Farbstoff der Pflanzen kennen, und den Körperaromen vermochte die Verkäuferin nicht zu erklären. Der kauflustige österreichische Fabrikant aber überzeugte mich leicht von der Bedeutung der Sache. Denn „Sie dürfen net vergessen, daß die Leut’ seit paar tausend Jahr’ und noch länger immer g’stunken hab’n. Und wann die klane Hex’ net gelogen hat, dann ist’s jetzt aus damit“. Dann wandte er sich wieder seinen anscheinend gut gehenden Geschäften in der Glasbranche zu.

Das war eine einleuchtende Theorie, und ich verfiel in eine Träumerei, wie sich wohl die Weltgeschichte und wie sich besonders manche Familiengeschichte anders entwickelt hätte, wäre nur immer genug Chlorophyll dagewesen. Denn es ist leider eine Tatsache, daß die meisten Sachen auf dieser Welt nicht nach Rosen riechen. Deshalb können wir auch eine gewisse Skepsis gegen Parfümwolken nicht unterdrücken: weil nämlich ein Duft oft den andern überdeckt. Gibt es aber demnächst, infolge des Gebrauchs von Chlorophyll, nichts mehr zu überdecken, dann sollte man der Chlorophyll-Synthese die Bedeutungeineserstklassigen kulturgeschichtlichen Ereignisses zuerkennen. Denn im Vergleich zu der Erleichterung, die dem Zusammenleben der Menschen aus dem Gebrauch des Chlorophylls erwachsen könnte, scheinen uns die Errungenschaften des american way of life ebensowenig zu bedeuten wie die Experimente des Marxismus-Leninismus.

Am nächsten Morgen traf ich einen Hannoveraner Kaufmann, der die „Sache schon ausprobiert hatte. Der Genuß von zehn Steinhägern war seiner Frau verborgen geblieben. Was ihn aber kränkte, war, daß sein Hund ihn nicht erkannte und böse anknurrte...