Paris, Anfang März

Die Luft im Palais Bourbon stand dumpf und unbewegt über dem Halbrund redender und gestikulierender Volksvertreter. Alle, mit Ausnahme der Kommunisten, hatten eben noch den enormen Ausgaben für die Aufrüstung und den Krieg in Indochina zugestimmt. Denn alle wollten den Anspruch Frankreichs auf seine Stellung als Großmacht innerhalb der atlantischen Gemeinschaft und vor allem auf dem europäischen Kontinent gegenüber der drohenden Aufrüstung Deutschlands hochhalten. Große Worte waren darüber gefallen. Nun aber galt es, die finanziellen Opfer zu bewilligen, um diesen Anspruch zu behaupten.

Als der Vizepräsident der Nationalversammlung, Le Troquer, das Abstimmungsergebnis verkündete, schien eine Erlösung durch die starren Reihen der Fraktionen zu gehen. War es, weil die Uhr schon drei Uhr zwanzig morgens zeigte und man nun endlich zu Bett gehen konnte, statt noch achtzehn Einnahmeposten und Sparmaßnahmen zu diskutieren, von deren Bewilligung der Ministerpräsident Faure ebenfalls sein Verbleiben im Amt abhängig gemacht hatte? Oder war es die Erleichterung darüber, daß die Entscheidung wieder einmal hinausgeschoben war und man am Sonntag nicht in seinen Wahlbezirk reisen mußte, um vor seinen Wählern eine fünfzehnprozentige Steuererhöhung zu rechtfertigen?

Wer von den eilig aufbrechenden Abgeordneten dachte noch daran, daß am nächsten Tag der dritte Monat anbrach, in dem Frankreich ohne Staatshaushalt ist, daß die Staatskasse leer ist und der Franc auf abschüssiger Bahn der Notenpresse zueilt? Wer dachte noch an das Versprechen, das Frankreich gerade erst in Lissabon seinen Verbündeten gegeben hatte, die Verteidigungslücke im Westen zu schließen, damit es mit der deutschen Aufrüstung nicht so eilig werde? Hatte man nicht mit der Verweigerung der Mittel zur Aufrüstung gleichzeitig die amerikanische Dollarhilfe aufs. Spiel gesetzt oder mindestens hinausgeschoben?

Das alles ging zweifellos dem Ministerpräsidenten Faure durch den Kopf, als er durch das noch nächtliche Paris zum Präsidenten der Republik, Vincent Auriol, ins Palais de l’Elysee fuhr, um dem Staatsoberhaupt die Demission seiner Regierung zu überreichen. Er war selbst in Lissabon gewesen und hatte erst vor wenigen Stunden, am Vorabend, bei einem Empfang in dem gleichen Palais, in dessen Vorhof sein Wagen jetzt einbog, General Eisenhower getroffen, der schon so lange auf die französischen Divisionen wartet. Edgar Faure mag froh gewesen sein, den Präsidenten Auriol nun allein vorzufinden.

Dem zu Fuß heimkehrenden Besucher der Nationalversammlung erschien die Stadt im trüben Morgengrauen noch verwohnter, als sie ihm beim ersten Wiedersehen nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit vorgekommen war. Nirgends eine Ruine. Eroberung und Rückeroberung waren über das Herz Frankreichs hinweggegangen, ohne es zu verletzen. Nirgends aber auch ein Neubau. Alles war gespenstisch unverändert, als habe die Stadt jahrelang den Atem angehalten. Nur älter waren die schönen Fassaden geworden – und baufälliger.

Neue Risse hatten sich neben den alten gebildet und waren immer wieder geflickt worden. Längst zum Einstürzen verurteilte Häuserwracks wurden durch kühne Stützkonstruktionen am Leben erhalten. Aber auch die Stützen waren mit der Zeit morsch und durch neue ersetzt worden. Ein erfinderisches Bastlertalent war unermüdlich bedacht, die alten Formen zu retten und zu bewahren, nirgends aber waren Spuren eines neuen Bauwillens zu entdecken. Geniales Flickwerk, aber doch Flickwerk, das auf die Dauer den Einsturz nicht verhüten kann. Hier wie im Palais Bourbon die verführerische Patina der Tradition, hier wie dort Verschleppung der Erneuerung, Verharren in alten Formen, Vertagung der Entscheidung, faule Kompromisse, Flickwerk.