Der Krieg in Indochina kostet Frankreich nicht nur eine Milliarde Dollar im Jahr, es fallen auch jährlich mehr Offiziere als die französische Armee im gleichen Zeitraum aus ihrer Kriegsakademie erhält ... Über 30 000 unserer Männer haben bisher ihr Leben gelassen ... Wir könnten heute 20 Divisionen in Westeuropa haben, wenn das Problem Indochina nicht bestünde ... Die Lage im Delta des Roten Flußes in Tongking ist ernst.“ Das sind einige Sätze aus den Erklärungen, die der Generalsinspekteur der französischen Armee, General Alphonse-Pierre Juin, Mitte Januar vor seiner Rückkehr von einer Konferenz der westlichen Generalstabschefs in Washington abgab.

Zwei Tage vor dieser Erklärung war der Oberbefehlshaber Frankreichs in Indochina, General Lattre de Tassigny, in Paris gestorben. Sein Nachfolger im Oberkommando, General Raoul Salan, stand zur gleichen Zeit in heftigen Abwehrkämpfen in dem französischen Verteidigungsdreieck zum Schutze des Deltas des Roten Flusses.

Dieses Delta ist eins der am dichtesten besiedelten Reisgebiete der Erde, dessen Besitz von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang des Krieges ist. Daher geht seit 1950 der Hauptkampf in Indochina um den Besitz dieses Deltas. General Vo Nguyen Giap, der Oberkommandierende der Vietminh-Streitkräfte, entschloß sich nach vergeblichen Versuchen eines Frontalangriffes auf die französischen Verteidigungsstellungen bei Hanoi dazu, Teile seiner Verbände durch Verteidigungslücken zwischen den einzelnen französischen Forts in das Delta einsickern zu lassen. Diese Operation gelang ihm, denn nach den Angaben des Generals Salan sind etwa 15 000 Mann durch die Nordseite des Verteidigungsdreiecks beiderseits Hanoi und 13 000 Mann durch die in südwestlicher Richtung verlaufende Verteidigungslinie in das Innere des Deltas eingedrungen. General Lattre de Tassigny hatte, um diese auf die Dauer unhaltbare Lage zu beseitigen, im November 1951 zu einem großen Schlage gegen die Nachschubwege des Feindes am Westrand des Deltas ausgeholt, bei dem es ihm gelang, den für den Straßen- und Fluß verkehr wichtigen Platz Hoa Binh einzunehmen, wodurch die Verbindung zwischen den im Südwesten und Süden des Deltas operierenden Vietminh-Verbänden mit den Hauptstreitkräften im Norden unterbrochen wurde.

Seit jener Zeit tobten heftige Kämpfe um den Besitz der Straße Hanoi–Hoa Binh, dem einzigen Nachschubweg für die in Hoa Binh stehenden französischen Truppen. Anfang Januar wurde die Lage dieser Truppen so schwierig, daß ihre Versorgung nur noch auf dem Luftwege möglich war. Als der Ring um die eingeschlossene Stadt immer enger wurde, entschloß sich General Salan Mitte Februar zum Rückzug. Am 22. Februar traten 22 000 Franzosen und Vietnamesen zum Durchbruch nach Osten an. Alle verfügbaren Luftwaffenverbände der Franzosen wurden zur Unterstützung eingesetzt, – so daß der Rückzug auf eine vorbereitete Verteidigungsstellung, etwa 25 km westlich von Hanoi, mit einem Verlust von nur 1600 Mann – nach französischen Angaben – gelang. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die französischen Truppen in der Lage sind, dem wachsenden Druck des Gegners standzuhalten, der dabei ist, einen neuen Schwerpunkt ostwärts Hanoi zu bilden, um sich in den Besitz der für den französischen Nackschubverkehr lebenswichtigen Eisenbahnlinie von Hanoi nach dem Seehafen Haiphong zu setzen.

Die Lage in Vietnam hat sich für die Franzosen auch noch durch eine neue Aufstandsbewegung verschlechtern, die nichts mit Ho Chi Minh zu tun hat. In Cochinchina, der südlichsten Provinz Vietnams, leben etwa 2,5 Millionen Angehörige (der religiösen Sekte der Kaodisten, die sich eine eigene Religion in Anlehnung an das Christentum, den Buddhismus, den Taoismus und die Lehren des Konfuzius gebildet haben. Die Kaodisten, die zunächst die Regierung Bao Dais unterstützten, gingen Anfang 1951 in die Opposition. Der Führer ihrer Milizverbände, Oberst Trin Minh, war für einen militärischen Kampf gegen Bao Dai und die Franzosen; aber die politische Führung der Sekte lehnte diesen Kampf ab. Daraufhin organisierte Trin Minh auf eigene Faust mit den ihm ergebenen Verbänden einen Aufstand, der durch den Zulauf von kaodistischen Freiwilligen einen immer größeren Umfang angenommen hat. Die Bombenattentate im Januar in Saigon und Pnombenh, den Hauptstädten von Vietnam und Kambodscha, denen 136 Personen zum Opfer fielen, waren das Werk kaodistischer Terroristen und der Auftakt von Kämpfen, die sich auch auf Gebiete in Kambodscha ausgedehnt haben.

Wie ernst die Lage beurteilt wird, geht aus Äußerungen des französischen Minister für die indochinesischen Staaten, Jean Letourneau, hervor, der auf einer Konferenz in Saigon am 25. Februar, kurz vor seinem Rückflug nach Paris, erklärte,-er glaube nicht, daß ein entscheidender militärischer Sieg in Indochina möglich sei. Frankreich habe zwar nicht die Absicht, Ho Chi Minh die Aufnahme von Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Wenn aber der Führer der Vietminh eine solche Initiative von sich aus ergreifen würde, so sei Frankreich bereit, mit Zustimmung und unter Teilnahme der indochinesischen Staaten Friedensverhandlungen aufzunehmen. E. K.