Von Albert Schulze Vellinghausen

Wie die Heimatforschung annimmt, war das Gebiet der heutigen Stadt Dortmund ehedem von Brukterern bewohnt. Als nun die Völkerwanderung begann – die große, die berüchtigte von 400 nach Christus – hätten die anderen germanischen Stämme – so erzählt man sich – auch an die „Tore“ der Stadt Dortmund geklopft: „Heda, mitmachen! Der große Treck ist da. Auf in den sonnigen Süden!“ Die Dortmunder hätten auch wirklich zunächst gute Miene gemacht, ihre Sachen gepackt, wären ein paarmal um die Stadt gezogen, hätten dann aber erklärt: „Was sollen wir da unten?“ – und seien zu Hause geblieben ... So hätten sie also schon damals dem „großen Moment der Geschichte“ ihren seßhaften Biedersinn entgegengestemmt.

Seßhaftigkeit ist allerdings eine Grundeigenschaft, die auch heute noch in der Bevölkerung aufzuspüren ist. Gewiß, vor der großen Zerstörung, der auch diese Stadt im letzten Kriege anheimfiel, war es einfacher als heute, sich dieses Grundphänomen vor Augen zu führen. Denn damals war der Kontrast ganz offen ersichtlich: eine große Stadt hatte, so schien es, aus riesigen Hochöfen und aus den Hochhäusern des Braugewerbes quasi einen Schutzwall um sich gezogen, hinter dem sie sich duckte, damit die Bürger ihr wirkliches, privates, ihr „gemütliches“ Leben möglichst ungestört in zwei Dutzend altväterisch schlichter, behaglicher Bierhäuser verbringen könnten. Gewiß, es gab Kinopaläste und ein oder zwei massive Vergnügungsstätten. Aber der Bürger, der wirkliche Homo Tremoniensis, war nur am Holztisch aufzufinden. Vor ihm stand ein Doppelwachholder, der ihm den Magen vorwärmte, ein Salzkuchen, jenes köstliche, mit Kümmel bestreute Rundgebäck, und ein Glas Dortmunder Bier. Dieses Bier war weltberühmt und ist es noch heute. Schon dieses Bieres wegen lohnt es sich, in Dortmund zu leben.

Meyer-Gräfe, der Kunstgelehrte, dessen Vater Hüttendirektor im benachbarten Hörde war, allerdings berichtet in seinen Lebenserinnerungen von einem anderen Frühschoppen auf der Terrasse des „Römischen Kaisers“. Da tranken sie Sekt mit Rotspohn vermengt, nannten es „Türkenblut“ und hatten den prächtigsten Blick auf das Leben und Treiben an jenem Verkehrskreuz Hellweg und Brückstraße, das schon seit karolingischen Zeiten das eigentliche Zentrum der Stadt gebildet hatte. Denn, das ist nicht zu vergessen, die Stadt ist alt. Zwar hatte sie sich in stürmischem Tempo binnen sechzig Jahren zu einer Kapitale der Schwerindustrie entwickelt und dabei mit hektischer Rücksichtslosigkeit die meisten Denkmäler der Vergangenheit weggeräumt und nur gerade die drei Stadtkirchen und das Rathaus stehen gelassen; aber im Bewußtsein der Bürger war und ist dennoch ein gewisses Gedächtnis an die Machtposition dieser – in nordwestdeutschen Landen – einzigen Freien Reichsstadt erhalten geblieben.

Ehedem hatte überm Ostenthore der Spruch gestanden:

„Dus stat is vry, dem rike holt –

Verkoep des nicht umb alles golt“