Bald nach seiner Rückkehr nach Amerika hat der bisherige USA-Botschafter in Moskau, Admiral Alan G. Kirk, die Leitung des Komitees „Für die Befreiung der Völker Rußlands“ übernommen, ohne Rücksicht auf Belastungen, die sich hieraus für das amerikanisch-sowjetische Verhältnis ergeben könnten. In den Organisationen der Ostemigranten, deren wichtigste ihren Sitz in München haben, dürfte man dies schon deshalb begrüßen, weil daraus – nach so vielen Jahren – endlich die Erkenntnis zu sprechen scheint, welche Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit den Emigranten des Ostens zukommt. Auf der andern Seite scheint die Koordinierung der verschiedenen Emigrantengruppen, die seit einiger Zeit angestrebt wird, auch jetzt noch sehr schwierig zu sein, trotz des bedeutenden Prestiges, das der Admiral Kirk unzweifelhaft genießt. Das oft erwähnte Hauptproblem ist, daß Ukrainer, Weißrussen, Georgier und andere Völker der Sowjetunion nicht mit den sogenannten Großrussen zusammenarbeiten wollen, ehe über ihre eigene Unabhängigkeit nach der Befreiung entschieden ist. Dieses Dilemma ist groß, weil möglicherweise die Ankündigung einer Auflösung der Sowjetunion in ihre nationalen Bestandteile die Anhänglichkeit des großrussischen Elements, das aber das weitaus stärkste ist, an den Stalinschen Kommunismus steigern könnte.

Eine zweite sehr große Schwierigkeit ist die Personenfrage, an der auch Kerenski gescheitert ist, dem seine Unfähigkeit als russischer Regierungschef im Jahre 1918 heute noch unauslöschlich nachhängt. Dazu kommen weiter schwere weltanschauliche Differenzen. Die Emigranten, die zwischen den Weltkriegen und während des zweiten Weltkrieges gekommen sind, darunter Hunderttausende von DP’s, die 1945 im Westen blieben, wollen nichts mit den Kommunisten zu tun haben, die in den letzten Jahren emigrierten und zwar Stalin-Gegner, aber eben doch Kommunisten oder Steigbügelhalter des Kommunismus sind. Dieser Konflikt wirkt sich besonders auch bei den Emigranten aus den Satellitenländern aus. Zum Beispiel können sich bei breiten tschechischen und besonders slowakischen Emigrantengruppen die Benesch-Anhänger trotz aller amerikanischen Unterstützung nicht durchsetzen, weil die anderen Gruppen auf dem nicht unbegründeten Standpunkt stehen, daß Benesch und seine Leute es erst dahin gebracht haben, daß der Kommunismus heute in Prag und in Preßburg an der Macht ist. Je später, ein Emigrant aus dem kommunistischen Machtbereich kommt, desto mißtrauischer sind außerdem die andern gegen ihn. Andrerseits kommen die Informationen gerade von den zuletzt geflüchteten Emigranten, und es besteht die Frage, wer noch emigrieren wird, wenn der neue Emigrant mit Mißtrauen empfangen und nicht zur Mitarbeit herangezogen wird.

Diese Schwierigkeiten haben sich, amerikanischen Zeitungsberichten zufolge, auch nach Einhaltung des Admirals Kirk in der Arbeit des Komitees „Für die Befreiung der Völker Rußlands“ sehr deutlich gezeigt. Immerhin scheinen aber jetzt genügend Voraussetzungen – für die Errichtung einer zweiten Radiostation für die Ostpropaganda der Emigranten zu bestehen, die von den Amerikanern gebaut werden soll. Eine Überprüfung der gesamten DP-Politik wird dem amerikanischen Komitee aber nicht erspart bleiben, wenn es ernstliche Erfolge erzielen will. Man wird nämlich die aktivsten Kräfte in den Vordergrund stellen müssen, und das werden nur selten die Gruppen sein, die man seit 1918 als die Freunde der Alliierten anzusehen pflegte, die aber in Wirklichkeit nur die Feinde der Zentralmächte waren. H. A.